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   Eingestellt 24.04.2016 Ein Artikel von Norbert Horn (1911-1986)

Die drei Musketiere

Anekdoten aus der Feder des Heimatschriftstellers Norbert Horn über die Schulzeit im Johann-Ludwig-Gymnasium in der Weimarer Zeit

Vorwort von Franz Horn 25.04.2016
  Der Artikel von Norbert Horn (1911-1986) beschreibt die Jahre 1927/28 aus seiner Sicht. Geschichtliches Zeugnis wird hier abgelegt von seiner Zeit in der Obersekunda des Hadamarer Gymnasiums als Klassenvorsteher, aber auch der Zeitgeist am Ende der Weimarer-Republik wird hier widergespiegelt.
  Der Verfall der Autorität des Lehrkörpers, vor allem wenn sich diese Person als Gegner des Nationalsozialismus auszeichnet, gegenüber Parteigänger der NSDAP wird hier deutlich. Von zuhause unterstütz mussten viele die Autorität bestimmter Lehrer nicht mehr fürchten.
  Wir können hier lesen von den Gesellenvereinen (u.a. Frickhofen) die sich dem katholischen Glauben verpflichtet sahen und sich nicht nur Antipazifistisch gegen den aufstrebenden Nationalsozialismus gewehrt haben, aber letztendlich die Verlierer dieser Auseinandersetzung waren.
  Gehörig schmunzeln können wir über die Zeilen, die die Sexuelle Moral der damaligen Zeit wiederspiegeln, vor allem wenn man die Personen oder deren Nachfahren noch gekannt hat, oder kennt.


Inhaltsverzeichnis:

1. Kapitel I.

Die drei Musketiere lassen Ihre Köpfe hängen, und Herr Huss erscheint unerwartet auf dem Konzil zu Nicäa

2. Kapitel II.

Am Mittelmehr schärft man die Schwerter und Professor Bosing wird in seinem Vaterstolz bitter und ruchlos gekränkt

3. Kapitel III.

Alte Liebe rostet nicht und am Bahnhof endet eine erfolgreiche Versammlung

4. Kapitel IV.

Ein Zug fährt durch den Wintermorgen, und der Sport ???? findet wenig Beifall

5. Kapitel V.

Am schwarzen Brett wird ein Gedicht entdeckt und die Obersekunda erhält dafür Arrest




Die drei Musketiere


I. Kapitel

Die drei Musketiere lassen Ihre Köpfe hängen, und Herr Huss erscheint unerwartet auf dem Konzil zu Nicäa


  Über der letzten Bank schwebten die dunklen Schatten einer saumiserablen Laune. Die freche Erna hatte jedoch Unrecht, als sie in der Pause von einem übermäßigen Sonntagsdurst und einer gründlich verlängerten Sommernacht sprach. Die drei Musketiere waren gestern getrennte Wege gegangen und hatten keinen gemeinsamen Anlass, trüben Gedanken nachzuhängen. Hans-Jochen Ebmeier zum Beispiel, der jetzt wehmütig auf die klatschenden Regentropfen lauschte, hatte sich nach vier langen seligen Flitterwochen mit der braunen Irma verkracht und die Wetterhexe bereits am gleichen Abend mit dem unsympathischen Goerges vor dem Kino angetroffen. Der streitbare Horn dagegen hatte bei einem rauhen Wahlgefecht in Frickhofen ein gerütteltes Maß Hiebe bezogen und trug alle Farben des Regenbogens in seinem finsteren Gesicht. Und in Jeucks Fußballseele kochte noch immer die Wut darüber, daß sein Verein das entscheidende Spiel in Elz 1:3 verloren hatte, obwohl seiner Leistung als Tormann nicht der geringste Vorwurf gemacht werden konnte. Nun schaute der verabschiedete Liebhaber mit Bitterkeit nach den reizenden Locken seiner ungetreuen Freundin, der geschlagene Politiker brütete an Rache an sämtlichen Gesellenvereinen der Christenheit und Herr Heribert Jeuck, ja der sollte urplötzlich mit dem kosmologischen Gottesbeweis aufwarten.

  Eben hatte er im Geist noch was ganz anderes bewiesen, nämlich die völlige Unfähigkeit des Schiedsrichters und die Logik, daß die Welt einen Schöpfer haben müsse, war ihm entfernt nicht so wichtig wie der ungerechte Elfmeter, von dem offenkundigen Abseitstor ganz zu schweigen. Mit salbungsvoller Mahnung und einer dicken Fünf stellte der Religionslehrer die nicht ganz unerwartete Lücke des Wissens fest und versuchte dann sein Glück bei dem teilnahmslosen Ebmeier. Solche Fragen liebt jemand, der überhaupt kein Lehrbuch besitzt, geschweige denn benutzt, schon in normalen Zeiten nicht, und heute war die Lage auch noch so, daß der erbitterte Hans-Jochen den Zorn des Achilles über die Achaier, die ihm die schöne Briseis aus dem Bett holten, voll und ganz verstand. Er verzichtete sogar auf seine übliche Ausrede, daß er in der letzten Stunde gefehlt habe, was ihn allerdings auch kaum vor dem schriftlichen Vermerk seines Versagens und einigen passenden Randbemerkungen über die heutige Jugend gerettet hätte.

  Es war selbstverständlich, daß nun der dritte Musketier den Beweis für das Dasein Gottes antreten sollte, und er hatte auch reichlich Zeit und Gelegenheit gehabt, sich über diese Frage zu orientieren. Die hilfsbereite Zita hatte ihm sogar mit ungewohntem Mut die Seitenzahl zugerufen, wo er nachschlagen solle, aber noch spürte der halsstarrige Bursche besonders am Hinterkopf allzu heftig, die Folgen der gestrigen Verbindung von Religion und würdigte Professor Leber zunächst überhaupt keiner Antwort. Der Religionslehrer, der überhaupt kein sanftes Gemüt besaß, brauste auf wie ein Kalkstein unter einem Wasserguß, als sich der Sekundaner beim zweiten Anruf träge erhob und seine Frage überhört haben wollte. Er wiederholte in zornigem Ton sein Verlangen nach dem kosmologischen Gottesbeweis und knüpfte eine Mahnung daran, die Salz in Horns brennende Wunden streute.   "Es wäre besser, sie würden ihre heidnischen Genossen meiden und sich von wüsten Schlägereien fernhalten. Dann hätten Sie mehr Zeit, die Nase ins Lehrbuch zu stecken. und brauchten keine Fragen zu überhören."

  Von heidnischen Genossen sei ihm nichts bekannt. Und wenn der Herr Professor auf den Skandal in Frickhofen anspiele, so würden die hinterlistigen Feiglinge von Gesellenverein den Überfall noch bitter bereuen.

  Nun war Herr Leber der Präses des Gesellenvereins in Hadamar und hörte solche Bemerkungen naturgemäß höchst ungern.

  "Sie sollten sich als katholischer Jungmann schämen, mit diesen Neuheiten, mit diesen modernen Neros, mit diesen Verächtern und Verfolgern der Religion und ihrer Diener Gemeinschaft zu haben".

  Er kenne keine Religionsfeinde, wohl aber Reichsfeinde auf der Kanzel, kam in gereiztem Ton die völlig unpassende Antwort.

  Herr Leber wurde dunkelrot vor gerechtem Zorn, und die Klasse wartete in atemloser Spannung auf den kommenden Donnerschlag.

  "Eine solche bodenlose Frechheit ist mir in meinem ganzen Leben noch nicht vorgekommen. Das schreit ja zum Himmel. was man sich als Lehrer und Erzieher bieten lassen muß. Aber warten Sie nur ab, Horn, Sie werden diese Worte noch bereuen. Ich werde Sie dem Direktor melden und mich auch bei ihrem Herrn Vater über dieses unerhörte Benehmen beschweren."

  Dazu sei am Sonntag die beste Gelegenheit, wenn sein Vater in Hadamar für den Reitersturm der SA werbe, schlug Horn mit unverkennbarem Hohn vor.

  Die Röte des Gesichtes wandelte sich in dunkles Braun und um einem drohenden Schlaganfall vorzubeugen, ließ der Lehrer das heikle Thema vorläufig fallen und flehte im Geiste die Rache des Herrn auf das blonde Haupt des Sünders herab. Unter dem Grinsen und beifälligen Räuspern der, Ebmeier, Becker, Bommel, Schaft und ähnlicher Elemente stellte Jeuck in seinem sportlichen Gemüt ziemlich deutlich "1 : 0 für Horn" fest. Das Lob erfreute den geschundenen Leib des streitbaren Kämpfers und bekräftigte den Vorsatz, Herrn Leber fortan als feindliche Macht zu behandeln.

  Der Religionslehrer wandte sich nun mit seinen Fragen an die Konvikter und Studienheimer, und die flotten und gediegenen Antworten besänftigten sein wallendes Gemüt. Ja, Gott sei Dank, es gab auch unter der heutigen, ach so schlechten Jugend noch aufrechte christkatholische Jungmänner, die treu zum Glauben hielten und fleißig im Lehrbuch studierten. Dieser Bokler zum Beispiel, der alles wußte und an jedem Morgen zur Kommunionbank ging, versprach eine Säule der bedrohten Kirche zu werden, und der glühende Glaubenseifer des wackeren Theodor Meilinger war eine erquickende Herzensfreude. Nur Menschen mit abgrundtiefer Bosheit konnten diesen Streitern Christi die höhnenden Beinamen "Das heulende Elend" und "Pater Filicius" geben.

  Das Glück des Religionslehrers hätte wahrscheinlich noch einen längeren Bestand gehabt, wenn er nicht zufällig nach dem still und emsig beschäftigten Hubert Müller hingeschaut hätte. Dieser grundverdorbene Bursche, dem jede Achtung vor der weiblichen Würde fehlte, hatte ihm schon oft großen Kummer bereitet. Und was tat er jetzt? Ohne auf die Weisheiten des katholischen Glaubens zu achten, spielte dieser Satanssohn in sündhafter Zärtlichkeit mit den Haaren der kleinen Erna Bill, die sich wie eine gestreichelte Katze vor ihm räkelte. Übrigens, diese Schülerin mit ihren kurzen Röcken und ihrem unsittlichen Gang kam ihm auch schon lange verdächtig vor. Da mußte er mal aufpassen und bei seinem Amtsbruder in Wilsenroth Erkundigungen einziehen.

  Der ertappte Müller zog die Hand wie von einem glühenden Stück Eisen zurück, als ihn mit Donnerworten eine Stunde Arrest für sein ungebührliches Benehmen angekündigt wurde, und er war für diese kurze, aber gewichtige Belehrung über die Folgen der Fleischeslust durchaus nicht dankbar. Außerdem mußte er auch sofort die Gefahrenzone verlassen und mit Becker den Platz tauschen, der übrigens schon län­ gere Zeit das Spiel seiner offiziellen Freundin mißbilligend verfolgt hatte. Daß er nun mit den Knien auf Ernas gewölbter Rückseite eine Art erotische Morse- Übung begann, blieb zum Glück für die Beteiligten und zum Nutzen der priesterlichen Seelenruhe unbemerkt.

  Während der Klassenprimus Hilger in flüssigem Vortrag den ontologischen Gottesbeweis erläuterte und Pohl sich durch seine halblauten Einwände einen Tadel zuzog, schilderte der munter gewordene Horn unter allerlei schauerlichen Flüchen, die er den Balkanerlebnissen seines Onkels verdankte, den Verlauf der Versammlung. Kaum hatte die Rede begonnen, da waren die kreuzverdammten Hurenbengels vom Gesellenverein hereingestürmt, bewaffnet mit Knüppeln und Zaunlatten. Der Saalschutz, genau 11 SA­ Männer aus Dorchheim und Frickhofen, konnte sich gegen die dreifache Übermacht nicht durchsetzen und wurden von diesen feigen Banditen, von denen einige Schwerverbrecher auch noch mit ihren Messern herumfuchtelten, trotz der verbissenen Gegenwehr mit Koppeln, Stuhlbeinen und Fäusten in eine Ecke gedrängt. Als dann EIses Vater mit zwei weiteren Landjägern erschien, schlugen die schwarzroten Zuhälter selbstverständlich auf den dicksten Haufen ein, nämlich dorthin, wo sich die SA um den Redner und den Stützpunktleiter geballt hatte. Das Ende vom Lied war, daß die Versammlung nicht stattfinden durfte und Dr. Firmenich viel Arbeit mit Pflastern und Verbinden hatte. Aber bei der Zentrumsversammlung in Heuchelheim werde es blutige Rache geben, oder er wolle statt Norbert Horn den Namen Isaak Krummnase annehmen.

  Natürlich sicherten die beiden Zuhörer ihre Teilnahme an diesem wohlgefälligen Werk unter allen Umständen zu, und der eifersüchtige Hans- Jochen bedauert nur, daß sein Nebenbuhler mit Martin Luthers Hilfe in den Himmel kommen wollte und daher nicht zu einem katholischen Gesellenverein gehörte.   "Ebmeier, wiederholen Sie, was Hilger eben vorgetragen hat", mischte sich Herr Leber plötzlich ungebeten in die Unterhaltung.

  "Der hat so schnell gesprochen, daß man nicht die Hälfte verstehen konnte, "kam die schlagfertige Antwort.

  "Weil Sie nicht im geringsten aufgepaßt haben. Setzen Sie sich, an Ostern werden Sie die Folgen ihrer dauernden Unaufmerksamkeit schon sehen.

  "LEMIA", kürzte Ebmeier Herrn von Berlichingens bekannte Aufforderung in seiner eigenen Weise ab.

  "Was sagten Sie da?"

  "Ich habe mich nur geräuspert."

  "Ebmeier, Ebmeier, mit Ihnen nimmt es auch einmal ein sehr böses Ende!"

  Derartige Prophezeiungen wurden jedoch allzu oft wiederholt, um noch irgendwelchen Eindruck zu machen. Bald waren die Drei Musketiere in einer neuen Unterhaltung begriffen und kümmerten sich genau so wenig wie zuvor um die verschiedenen Arten, mit denen man das Dasein Gottes beweisen kann. Jeuck schilderte jetzt das verlorene Fußballspiel und erläuterte an Hand einer Skizze auf dem Deckel seines Religionsbuches ein unbestreitbares Abseitstor, daß dem SV Elz zum unverdienten Ausgleich verholfen hatte und der teilnahmsvolle Ebmeier wurde nur einmal, nämlich als Irmas Stimme durch die Klasse zwitscherte, von dem interessanten Thema abgelenkt und verspürte schmerzhafte Stiche in der Herzgegend. Ähnliche Schmerzen spürte sein Freund Horn, als er bei einer allzu energischen Zustimmung mit dem Hinterkopf die harte Wand erreichte.

  Der nächste Zwischenfall wurde durch den teleologischen Gottesbeweis veranlaßt. Der widerspenstige Werner Pohl erklärte sich nämlich mit der Logik, die Welt sei geordnet und müsse folglich einen Ordner haben und das sei Gott, durchaus nicht einverstanden.   Das sei ja eine famose Ordnung, wenn tausende schuften müssen, damit einer faulenzen kann, in der ein Lebewesen das andere auffrißt, in der es so viele Plagen und Katastrophen aller Art gebe. Ob die Irrenhäuser, der Hunger oder der Krieg etwa auch in dieser famosen Ordnung einen Platz hätten? Mit weit größerem Recht könne man den Lehrsatz umkehren und behaupten, die Welt sei ohne jede Ordnung, folglich könne sie auch kein vernünftiges Wesen geschaffen haben.

  Herr Leber war ehrlich entsetzt, obwohl er Pohls großen Widerstandsgeist schon verschiedentlich kennengelernt hatte. "Sie, Pohl," begann er salbungsvoll zu belehren, "sie sind natürlich nicht im Stande, die göttliche Weltordnung zu begreifen. Das kann überhaupt kein irdisches Wesen. Gott hat eben andere Maßstäbe als wir kleinen und törichten Menschen und fügt das Leid ebenso wie das Glück in seinen großen und erhabenen Bauplan, alles Leid aber kam durch den Sündenfall in die Welt, und die erste Sünde entstand aus dem gleichen Geist der Auflehnung, der eben aus ihren Worten sprach. Ihnen fehlt die geistige Demut, Pohl, beten Sie eifrig um diese Gnade".

  Pohl war durch diesen persönlichen Angriff so überrascht, daß er sich ohne Dank für diesen guten Rat auf seinen Platz setzte und für den Rest der Stunde sich in Schweigen hüllte. Dabei betete er jedoch keineswegs um die fehlende geistige Demut, sondern kam zu der festen Überzeugung, daß Herr Leber vielleicht für die Gewissensberatung eines Nonnenklosters geeignet sei, nimmermehr jedoch zum Religionslehrer an einem humanistischen Gymnasium.

  Die Reihe der Versager war noch nicht geschlossen. Der dicke Schaft, den man aus guten Gründen " Mister Feuerwasser " getauft hatte, war so verkatert, daß er kaum aus seinen verquollenen Augen schauen konnte und auf eine Frage nach seinen Kenntnissen vom Konzil von Nicäa mit heiserer Stimme behauptete, dort sei ein Mann namens Huss verbrannt worden, der Moses, Christus und Mohamed drei große Betrüger gescholten habe. Da mußte sogar der würdige Bokler lächeln, daß man einen Ketzer bereits tausend Jahre vor seiner Geburt verbrennen konnte und außerdem anno 325 schon wußte, was dreißig Generationen später ein deutscher Kaiser sprechen würde. Doch bei alledem hatte der unwissende Schaft noch Glück, denn in dem allgemeinen Gelächter der Klasse vergaß Herr Leber, diesen haarsträubenden Unsinn mit einer schlechten Note gebührend zu würdigen.

  Die Fragerei ging weiter, und es kam noch viel Weisheit und noch mehr Unkenntnis ans Tageslicht. Erika Decher, die trotz ihrer unschuldigen blauen Augen den armen Schaft zur Verwandlung seines Taschengeldes in Wein und Likör veranlaßt hatte, wußte glänzend Bescheid um die erste Kirchenversammlung, konnte die Streitgespräche sogar in griechischer Sprache nennen und erntete einen Einser zur Anerkennung.   "Ganz hervorragend, Fräulein Decher," nickte Lehrer Leber zu der Leistung, die man auch von der Tochter des Bürgermeisters und des Gründers eines katholischen Sportvereins, der sich anmaßend Deutsche Jugendkraft nannte, verlangen konnte.   Müller jedoch, der dauernd mit neidischen Blicken nach Erna und Hubert schaute. hatte wegen heftiger Zahnschmerzen beim Konzil zu Chalcedon gefehlt, und der aus dem Halbschlummer aufgeschreckte Nett verwechselte dieses Ereignis mit der Synode von Sutri. Das war natürlich unverzeihlich, wie man auch schon an Hilgers entrüstetem Kopfschütteln sehen konnte. Denn es ist doch, ganz abgesehen von den selbe, wenn zu Chalcedon eine Anzahl katholischer Bischöfe den verruchten Anhängern des Eutyches mancherlei Unannehmlichkeiten im Himmel und auf Erden in Aussicht stellen, während in Sutri Kaiser Heinrich ohne viel Federlesen drei streitende Päpste absetzt, mit sehr zweifelhaftem Recht, um nicht zu sagen ohne jede Berechtigung, wie Herr Leber stets hinzufügte, wenn diese unangenehme Sache zur Sprache kam.

  Auch Allmang hatte unbegreiflicher Weise von jenen Vorgängen am Marmarameer noch nichts vernommen, und ein Herr namens Eutyches war ihm bisher nur als armenischer Mädchenhändler in einem ganz tollen Kriminalroman begegnet. Da es sich dabei höchst wahrscheinlich um eine andere Person handelte, gab er vorsichtigerweise seine Bekanntschaft mit diesem Schurken nicht preis und nahm mit stoischer Würde den Fünfer im Empfang.

  In der letzten Bank war es wieder still geworden. Der gewissenhafte Jeuck hatte seinen eingehenden Bericht beendet und dabei den Buchdeckel total beschmiert, so daß er jetzt eifrig radieren mußte. Horn sah mit verbissenem Gesicht in den strömenden Regen und wälzte schwarze Pläne, wie er dem Landjäger, den er trotz der bildhübschen Else bitterlich haßte, für den Schlag mit dem Gummiknüppel Revanche geben könne. Der niedergedrückte aber fand, daß er seine eigenen gestrigen Erlebnisse am besten für sich behielte, sonst war ihm auch noch Hohn und Spott sicher. Von ganzem Herzen wünschte er seinem Nebenbuhler einen rechtschaffenen Tripper und der Irma möglichst ein Paar Zwillinge.

  "Aber nicht von mir ", setzte er seinem nicht ganz frommen Wunsch hastig hinzu.

  "Was meinst Du?" fragte Jeuck erstaunt, weil sein Nachbar den Schluß der Überlegungen laut gedacht hatte.

  "Daß- ob- ob s noch nicht bald schellt?"

  "In zwei Minuten, " antwortete der Sportzeichner und stellte seine Arbeit ein.

  Herr Leber hatte, nachdem auch der verschlafene Bommel besagten Eutyches nicht kannte und von der klugen Zita über dieses zweifelhafte Kirchenlicht belehrt worden war, die unangenehme Fragerei beendet und diktierte nun die Aufgaben für die nächste Stunde. Viele schrieben mit, andere taten so als ob, und manche hartgesottene Sünder bekunden nicht das geringste Interesse.

  "Schaft, lesen Sie vor, was für Donnerstag präpariert und wiederholt werden soll."

  "Ich konnte nicht mitschreiben, Herr Professor, weil mein Bleistift abgebrochen ist."

  Die Ausrede schien Herrn Leber inanbetracht des übelbeleumundeten Schülers nicht sehr glaubwürdig, und er rüstete sich zu einer passenden Ermahnung, da schellte es zur Pause, und die berufsmäßigen Störenfriede verließen unter solchem Tumult ihre Plätze, daß dem zündenden Lehrer die Worte auf der Zunge erstarben. Besonders Bommel und Becker, die als Max und Moritz am ganzen Pennal einen nicht unverdienten Ruf genossen, stampften mit ihren genagelten Stiefeln so herausfordernd am Katheder vorüber, daß der baufällige Pult wackelte und im Klassenbuch einige Tintenspritzer erschienen. Worüber sich Herr Leber mächtig erboste und den beiden Urhebern im Geist eine runde Vier als Betragensnote ins Zeugnis malte.

  Während er diesen Entschluß faßte und dabei seine Eintragungen machte, hörte man vom Flur girrendes Mädchengekicher und laute Heilrufe, und das waren zwei Dinge, die noch mehr als die scheußlichsten Tintenflecke schmerzten. Jauchzende Freude an der bunten Fülle des Lebens und unbändiger Stolz auf ein tapferes Geschick, wann schwinden endlich diese Sünden aus der eitlen Welt? Das Leben ohne Liebeslust und Heldengeist ? Der Religionslehrer seufzte tief, denn vor seinen Augen tauchten die Drei Musketiere auf und paßten durchaus nicht in die violette Vision.




II. Kapitel

Am Mittelmehr schärft man die Schwerter und Professor Bosing wird in seinem Vaterstolz bitter und ruchlos gekränkt


  An einem Sommermorgen, da die Sonne über die dunklen Tannen des Galgenberges hinweg auf Hadamars spitze Dächer schaute, erwartete die Obersekunda wohlgemut und sorgenfrei den Beginn des Unterrichtes. In bester Laune über das hervorragende Erntewetter und den guten Fruchtstand pfiff der streitbare Klassenvorsteher ein freches Rebellenlied, und der zeitungslesende Jeuck begleitete ihn trotz der spannenden Sportberichte beinah ebenso falsch wie laut. Hilfsbereit untermalten Becker und Bommel auf der anderen Seite die Melodie mit ihren genagelten Stiefeln, und der dicke Schaft verstärkte den Takt durch wuchtige Faustschläge auf das unsympathische Machwerk des Herrn Titus Livius. Entsetzt preßte der empfindliche Goerges seine schmalen Künstlerhände gegen die Ohren und bat flehend um Rücksicht auf diejenigen, die noch einen Funken von musikalischen Ehrgefühl hätten. Seine Worte hatten nur den Erfolg, daß sich noch weitere Liebhaber von Radau und Spektakel bemerkbar machten und der wilde Allmang die Schranktür als Trommel mißbrauchte. Der alte Zeus, der würdevoll über dem Katheder thronte, hatte wohl seit dem Kampf um Ilion einen solchen Lärm nicht mehr vernommen.

  Was dem Kunstkritiker gründlich mißlungen war, erreichten auf andere Art zwei Mädels in den vorderen Bänken. Laut übertönten ihre Stimmen, die sonst so nett und sanft klangen, den Heidenlärm und brachten ihn jäh zum Verstummen. Else und Erika zankten sich nämlich und daß mußte man sich unbedingt anhören. Die Vorgeschichte war leider in dem Dröhnen und Johlen und Pfeifen verloren gegangen, und so tauchten jetzt plötzlich eine Menge bisher unbekannter Persönlichkeiten in der Klasse auf, zum Beispiel eine falsche Katze, eine verdrehte Schachtel, eine dumme Pute, eine gewöhnliche und eine ganz gewöhnliche Person, und jede neue Erscheinung brachte neues Beweismaterial für den moralischen Tiefstand der Gegenpartei ans Licht. Mancher romantische Waldwinkel und manche blühende Rosenhecke wurden als Zeugen für den Mangel an standhafter Tugend angeführt, und als der aufmerksame Bommel mit donnerndem "Achtung" das Eintreffen des Lehrers bekannt gab, freute sich eigentlich nur Karlchen Nett über die erzwungene Kampfpause, weil zu seinem größten Mißfallen auch der eigene ehrenwerte Name in der Auseinandersetzung eine Rolle zu spielen begann.

  Wie gewöhnlich lächelte Professor Bosing geschmeichelt über die militärische Huldigung, die dem ehemaligen Major der Landwehr und Ortskommandanten in Belgien galt. Diese Freude war ihm auch bei dem vielen Leid, das er in der Obersekunda erleben mußte, von Herzen zu gönnen. Nur widerwillig und mit der größten Besorgnis hatte er an Ostern die wilde Bande als Klassenlehrer übernommen, und seine Erwartungen waren im Laufe des Sommers in so reichem Maße in Erfüllung gegangen, daß er zeitweise die verwandtschaftlichen Beziehungen zu dem Direktor, der ihm als Schwager doch diesen Verdruß ersparen konnte, grollend abgebrochen hatte.

  Heute war, wie es so recht zu dem strahlenden Sonnenschein paßte, aufgabenfrei, und da konnte jeder getrost in die nähere Zukunft schauen. Keiner brauchte sich vorsichtig zu ducken, wenn der Lehrer forschend über die Klasse schaute, keiner auf flüsterndes Vorsagen zu lauschen oder mit gewagten Tricks verbotene Übersetzungen zu Rate zu ziehen. Heute war Herr Livius nicht der Klassenfeind Nr. 1 und sogar dem behäbigen Schaft. der ihn sonst bitterlich haßte, in höchstem Grade gleichgültig. Ohne Furcht vor einem Überfall auf seinen dürftigen Besitz an lateinischen Kenntnissen bereicherte den Inhalt seines Lehrbuches mit den Glanzfotos bekannter Filmgrößen und betrachtete voll Andacht und Ehrfurcht einige Autogramme.

  Nachdem der punische Reichstagsabgeordnete Hanno, der Mann des Friedens und der Hochfinanz, die politische Zuverlässigkeit der Barkiden und besonders des jungen Hannibal einer scharfen Kritik unterzogen hatte und ein strebsamer Studienheimer für die freiwillige Übersetzung dieser gehässigen Rede mit einer zwei belohnt worden war, erschien flotten Schrittes auch der schneidige Hans-Jochen Ebmeier in der Klasse und bürdete einem heimtückischen Wecker die Schuld für seine verspätete Ankunft auf. Diese Angabe entsprach trotz dem gramvollen Gesicht und trotz den treuherzigen Augen nicht ganz den Tatsachen. Denn erstens hatte Hans-Jochen noch nie einen solchen Einrichtungsgegenstand besessen, zweitens war er von seiner Hauswirtin rechtzeitig geweckt worden, und drittens hatte er soeben seine temperamentvolle Schwester, deren Dasein sonderbarerweise der übrigen Familie Ebmeier nicht bekannt war, zum Bahnhof begleitet. Aber der Professor hatte von diesen Dingen keine Ahnung und war zu gerecht, um sein unleugbar, starkes Mißtrauen in Worte zu fassen.

  In strammer Haltung und mit einer Miene, wie sie nur ein wirklich gutes Gewissen ermöglicht, begab sich der zukünftige Moltke nach der letzten Bank, aber damit saß er noch lange nicht auf seinem Platz. Der dickfellige Jeuck rührte sich nämlich nicht und las mit beifälligem Nicken den Absatz über die neue Mannschaftsaufstellung des 1. FCN weiter.

  Es fiel natürlich Herrn Bosing auf, daß der Nachzügler auch noch störend im Gang stehen blieb und sich dabei der besonderen Aufmerksamkeit der schlanken Lilo erfreute, und als er schärfer nach der Ursache spähte, entdeckte er auch die Sportzeitung. Eine derartige Mißachtung seiner Lehrtätigkeit konnte selbstverständlich nicht ungeahndet bleiben.

  "Was soll denn das bedeuten, Jeuck?? Es ist doch nicht zu glauben, dieser feine Herr liest im Unterricht seine Sportzeitung. Hm, Hm, vielleicht ist dazu auch noch eine Morgenzeitung gefällig?"

  Die leicht gekränkte Zita, die dem ertappten Leser seit einigen Tagen alles üble im Diesseits und Jenseits wünschte, dehnte sich vergnügt rückwärts und zeigte unverhüllte Schadenfreude in ihrem klugen Gesicht, aber nicht lange.

  "Fräulein Strunk," erhob sich Herrn Bosings Stimme zu einer bedrohlichen Tonart, "Im allgemeinen sieht man während des Unterrichtes ins Lehrbuch oder nach dem Lehrer. Ich bitte mir aus, daß die Regel auch von Ihnen beherzigt wird. Ihr Benehmen hat sich überhaupt in der letzten Zeit sehr unvorteilhaft verändert. Und Sie Herrrr, Sie werde ich für Ihre Dreistigkeit in das Strafbuch eintragen, wo hm hm ihr Name ja nicht unbekannt ist. Und Ruhe jetzt in der letzten Bank, ich verbitte mir Ihre Randbemerkungen, Horn. Sie haben ebenfalls zu schweigen, Pohl, oder wenn Sie schon reden wollen, dann erklären Sie mir einmal, weshalb in dem Satz Romani autem auf ut der Indikativ folgt."

  Der kraushaarige Pohl jedoch, der seinen Hintermann mit einer Frage nach dem bisher unbekannten Familienmitglied belästigte, hatte weder die Absicht noch die Fähigkeit, einen Kommentar zu dem Stil des Livius abzugeben und hüllte sich in vorsichtiges Schweigen.   "Stehen Sie wenigstens auf, wenn ich mit Ihnen rede", wurde er in scharfen Kommandoton an seine Schülerpflichten erinnert.   Doch weitere Verdrießlichkeit blieben ihm erspart, weil der aufgebrachte Jeuck den Eintrag, der seine Aussichten auf eine Vier in Betragen erheblich vermehrte, nicht ohne Widerspruch hinnahm.

  "Herr Professor", begann er so energisch wie bei einer drohenden Torgefahr seine Verteidigung, "Sie tun mir Unrecht. Ich habe doch gar nicht in der Zeitung gelesen. Das war ja nur ein Umschlag für den Livius, weil die Bank so verstaubt ist."

  "Hrn, hm", räusperte sich der Lehrer gereizt, "Sehr interessant, daß Sie so rasch eine Ausrede gefunden haben. Aber eine Frechheit ist doch mich für so dumm zu halten. Schweigen Sie ja still, sonst gebe ich Ihnen noch eine Stunde Arrest hinzu. Das hätten Sie verdient, hm hm, weil Sie einen alten Lehrer so grob zu beschwindeln versuchen."

  Wie eine Fanfare voll Hohn und Spott klang Zitas aufreizende Husten durch die Klasse, und der bedrängte Jeuck versprach der siebzehnjährigen Bosheit allerlei unangenehme Dinge für die nächste Pause. Vorerst jedoch erklärte er trotz der Warnung, daß er die reine Wahrheit gesagt habe und Horn ja ebenfalls einen Umschlag auf der Bank liegen habe. Und er deutete beschwörend auf eine auseinandergerissene Papiertüte, in der noch vor wenigen Minuten ein Butterbrot gesteckt hatte.

  Der Entlastungszeuge, der dem Lehrer trotz seines Ehrenamtes als Klassenvorsteher nicht besonders glaubwürdig erschien, erhob sich ungefragt zu vollen Größe und bestätigt kurz und sachlich den Staub auf der Bank und die Notwendigkeit eines Umschlages.

  Oder ob der Herr Professor annehme, daß auch er in der Zeitung gelesen habe?

  Diese Frage war ein geschickter Schachzug.

  Der leidenschaftliche Politiker war nämlich voll glühender Bewunderung für die Leistungen des römischen Volkes erfüllt und hatte sich noch vor wenigen Minuten lebhaft an der Klärung einer dunklen Textstelle beteiligt. Ihm konnte also diesmal keine Unaufmerksamkeit vorgeworfen werden. Da er nun seinem Kameraden aus vielen Saalschlachten und Fußballspielen wacker Beistand leistete, geschickt die Butterbrottüte in eine Illustrierte verzauberte und diesen Umschlag mit etwas Staub vom Fußboden nach dem Katheder trug, so hielt es Professor Bosing für richtig, die störenden Erörterungen, die erfahrungsgemäß ins Uferlose führten, abzubrechen.

  "Wenn sich die Sache so verhält, hm hm, so will ich von dem Eintrag absehen. Vermeiden Sie jedoch auch in Zukunft den Anschein der Unaufmerksamkeit, Jeuck, denn Ihre bescheidenen Kenntnisse berechtigen zu keinen Extratouren."

  Zita ließ in hartnäckiger Boshaftigkeit ihr Buch zu Boden gleiten, um sich beim Aufheben halb rückwärts zu wenden und den Schlußsatz des Lehrers mit einem halblauten "Sehr richtig" zu unterstreichen.

  Während dieser Vorgänge hatte Ebmeier, obwohl er in der Mitte zwischen den Angeklagten und dem Zeugen saß, kaltblütig einige wundervolle Erdbeeren gegessen und Horns Weg zum Katheder ausgenutzt, um den Rest der Früchte der naschhaften Else zu überbringen. Dann orientierte er sich rasch mit Hilfe einer verbotenen Übersetzung über die Lage im punischen Reichstag und meldete sich zum Staunen des Lehrers und der Schüler für den nächsten Abschnitt freiwillig, zunächst um den schlechten Eindruck der Verspätung zu verwischen und hauptsächlich weil man ihn wieder mit Fragen nach dem Nachtquartier seines geheimnisvollen Schwesterleins plagte. Die Leistung war angesichts der kurzen Vorbereitungszeit wirklich anerkennenswert, und über einige Klippen, die durch Zwischenfragen des Lehrers gebildet wurden, half ihm der Beistand seines Nachbarn glücklich hinweg. So blieb Hannibal trotz der Quertreibereien des Großkapitals und der vornehmen Handelsherrn an der Spitze der punischen Divisionen in Spanien und konnte in gründlicher Ausbildung und verschiedenen Probefeldzügen ihren Gefechtswert dauernd erhöhen.

  Unbekümmert von Krieg und Kriegsgeschrei am fernen Mittelmeer dachte der verliebte Allmang voll Sorgen an die Dinge, die ihm näher lagen.

  Heute Abend wollte er mit der entzückenden Erika ins Kino gehen und hatte zurzeit nur einen Kofferschlüssel und den üblichen Hosenknopf im Geldbeutel. Konnte er jedoch sein Versprechen nicht erfüllen, so war hundert gegen eins zu wetten, daß das flatterhafte Töchterlein des Bürgermeisters mit seinem Nebenbuhler Müller die Leinwand betrachtete. Ausgerechnet mit diesem übel beleumdeten Poussierstengel, dem man noch nicht einmal seine Großmutter in der Dunkelheit anvertrauen konnte, geschweige denn ein hübsches Mädel mit nicht ganz waschechten Moralbegriffen. Ob er ihn dreist und gottvertrauend anpumpen sollte? Der Kerl war ja nie ohne Geld, aber er hatte auch sicher die fünf Mark nicht vergessen. die er schon seit Wochen zu bekommen hatte.   Überhaupt, das Pumpen war für den brütenden Allmang eine schwierige Angelegenheit geworden. Wer aus kameradschaftlichen oder finanztechnischen Gründen für einen solchen Versuch in Frage kam, hatte ihn längst in das Buch der böswilligen Schuldner eingetragen und dankte für die weitere Kundschaft. Doch halt, der dicke Schaft, der momentan so gewissenhaft die Züge eines seiner Lieblinge studierte, hatte ja gestern Geld von seinen Eltern erhalten, ziemlich viel sogar. Das konnte er, nach seinem Gesundheitszustand heute früh zu urteilen, unmöglich restlos versoffen haben, und der gute Franz hatte bestimmt kein hartes Herz. Befriedigt schloß Allmang seine Überlegungen und das Lehrbuch und fragte höflich, ob er mal rausgehen dürfe. Er wollte sich nämlich mit einer halben Zigarette für die erfolgsgekrönte Gedankenarbeit belohnen.   Inzwischen hatte sich Feldmarschall Hannibal mit jugendlichem Ungestüm entschlossen, die Freistadt Sagunt entgegen dem römischen Verbot anzugreifen. Doch bevor der lange Goerges als Nachahmer seines tüchtigen Nachbarn dieses bedenkliche Unternehmen, das mit Sicherheit zum zweiten punischen Krieg führen mußte, bekannt geben kann, fühlte sich der völlig teilnahmslose Becker veranlaßt, seine Freundin Ema zu belustigen und ihr eine Karikatur des Professors auf die Bank zu werfen. Beim letzten Kleinkaliberschießen hatte der begabte Zeichner bei 5 Schuß volle Ringzahl erreicht, und auch diesmal gelang es seiner sicheren Hand, das Kunstwerk über vier Bänke hinweg haargenau neben dem schwarzen Bubikopf an die visierte Stelle zu befördern. Doch Erna dachte eben an Vanilleeis und Schlagsahne und nicht daran, daß eine lustige Zeichnung vom Himmel fallen könnte. Da eine außer Kurs gesetzte Nickelmütze den Mittelpunkt bildete, prallte das Geschoß von der Bank ab und fiel im flach Bogen vor den Katheder, der diensteifrige Meilinger sprang von seinem Platz und überreichte dem erstaunten Lehrer den seltsamen Fund.

  Professor Bosing entfaltete das Geheimnis und räusperte sich erbleichend, errötend und erblauend. Unter atemloser Spannung brach Goerges die Belagerung Sagunts ab in der Meinung, er habe das rätselhafte interagunt falsch übersetzt.   "Meilinger, hm hm hm, für diese Frechheit kommen Sie vor die Konferenz."   Die vielfach beschäftigte Klasse, unter anderem schrieb der erotisch belastete Müller an die zwei Meter entfernte Lilo einen glühenden Liebesbrief und der unverbesserliche Jeuck hatte die Sportzeitung wieder vorgeholt, reckte ihre zweiunddreißig Köpfe bei diesen unheilverkündenden Worten und zwei dieser Köpfe, die dem Schuldigen und dem Verurteilten gehörten trauten ihren Ohren nicht. Erna schaute verwirrt nach dem bärtigen Zeus um Aufklärung. Ob das Ding, das von ihrer kecken Stupsnase zum Katheder gesprungen war, mit diesem harten Urteil in Zusammenhang stand?

  Herr Bosing blickte noch immer wutzitternd auf die Linien, die seine urtümliche Schädelform ins Ungeheuerliche übertrieben. Und darunter stand eine überaus freche Abhandlung des letzten Aufsatzthemas, das Becker damals in nur mangelhafter Weise ausgeführt hatte. Statt

  "Unglück selber taugt nicht viel, doch es hat drei gute Kinder, Kraft, Erfahrung, Mitgefühl."

  las man jetzt in der verzerrten Form

  "Bosing selber taugt nicht viel, doch er hat zwei nette Töchter, stets bereit zu lieben Spiel."

  Das war blutiger Hohn auf die ganze ehrsame Familie und unerträglich für den gewissenhaften Haushaltungsvorstand. Hatte er nicht seinen Töchtern jeden Verkehr mit einem Obersekundaner ganz gleich in welcher Form verboten, und hatte er nicht körperliche Züchtigung angewandt, als die Resel mit dem verwünschten Bommel gesehen wurde? Und nun mußte er solche Worte lesen.

  "Ich - ich nicht - ich habe -", unterbrach der in die Grube gefallene Pater Filizius die erdrückende Stille.

  "Halten Sie ihren Mund. Eine größere Frechheit kann ich mir gar nicht denken. Die Sache kommt vor die Konferenz und damit basta."

  Mit dem Mut der Verzweiflung kämpfte der so schrecklich überraschte Meilinger jedoch weiter.

  "Aber das Papier wurde doch von hinten in die Klasse geworfen, Herr Professor, ich weiß gar nicht, was damit los ist."

  "Sooo. Hm. Hm."

  Allmählich kehrte die Denkfähigkeit zurück.

  Nein, diesem Schüler war eigentlich eine solche verruchte Kränkung seines Lehrers nicht zuzutrauen. Hinten jedoch, da saßen haufenweise solche Lümmels, von Horn angefangen und bei Nett aufgehört. Einen Augenblick lang sah Becker die forschenden Augen auf sich gerichtet und lobte innerlich die Vorsicht, die ihn zur Blockschrift veranlaßt hatte. Dann wanderte der Blick von Bommel zu Schaft, verriet auch der lustigen Lilo, daß sie zum Kreis der Verdächtigen gehörte, aber nirgends zeigte sich ein schlechtes Gewissen. Der Klassenvorsteher benutzte sogar die Unterbrechung, um sich mit einer Handvoll roter Frühkirschen auf die Fensterbank zu setzen und spukte auf die belebte Straße.

  Herr Bosing überlegte. Daß sich der Flegel reuig melden würde, das war natürlich ebenso wahrscheinlich wie die Vaterschaft eines Eunuchen. Wenn er jedoch getreu seinem ersten Wutausbruch die Sache vor die Konferenz brachte, so konnte eine blamable Geschichte daraus werden. Er sah schon im Geist das mokante Lächeln verschiedener Kollegen, und womöglich machten dann die Verse durch ganz Hadamar die Runde. Nein, das konnte er seiner Familie nicht antun. Am besten war es noch, wenn er den Wisch zerriß und der Klasse eine gesalzene Strafarbeit gab.

  "Die Sache ist erledigt, Meilinger. Und die Klasse übersetzt für morgen schriftlich die Seiten 75, 76, 77 und 78 bis jussi erant. Die Anständigen mögen sich bei den üblen Elementen, die ja leider die Herrschaft haben, bedanken. Fahren Sie fort, Goerges."

  Nur die beiden Nachbarn hatten den Wurf gesehen, und diese hätten lieber sämtliche Klassiker abgeschrieben als ihre Kameraden verpetzt. Der grinsende Bommel sah sogar mit Sehergabe vor­ aus, daß morgen ein Zettel von genau der gleichen Art im Klassenbuch liegen werde.

  Kurz vor Stundenschluß, als Sagunt schon längst in Schutt und Asche lag und der römische Sondergesandte zornig seinen Abschiedsbesuch machte, kam Herr Bosing noch ein teuflischer Gedanke. Er öffnete sein Notenbüchlein und begann eine Wiederholung von Dingen, die man eigentlich in der Tertia schon vergessen hatte, wenn man sie überhaupt einmal gewußt hatte. Stammformen unregelmäßiger Verba nennt sich dieses Folterwerkzeug für lateinverurteilte Schüler. Maschinenmäßig mit Genugtuung schrieb er die Fünfer auf und schreckte alle, die irgendwie verdächtig oder sonst unbeliebt waren, aus der Sicherheit des aufgabenfreien Tages empor. Beim ersten Glockenschlag ereilte auch noch den selbst zufriedenen Ebmeier das schwarze Verhängnis in Gestalt des Wortes confligere, nachdem einige Sekunden vorher der ahnungslose Bommel über das perfectum von sumere gestolpert und Nett in trautem Verein mit seiner kurzberockten Else den Tücken von opponere erlegen war.

  Auf Grund der letzten Ereignisse behauptete der erbitterte Horn, der bei einer unerwarteten Frage einen Kirschkern verschluckt hatte, entgegen seiner festen Überzeugung, daß Pater Filizius die Strafarbeit samt den Fünfern verursacht habe, und bei einer saftigen Klassenkeile büßte der schreiende Meilinger für seine Dienstbeflissenheit und rettete zugleich die verfolgte Zita vor den Nachstellungen ihres Feindes. Denn unbarmherzig drosch Jeuck, der die Launen von urere nicht kannte, mit seinen Boxerfäusten auf den Prügelknaben los, bis sich Herr Felten endlich auf seine Aufsichtspflicht besann und mit einiger Mühe das Unschuldslamm den Klauen der tobenden Meute entriss. Um dieselbe Zeit heckten Becker und Bommel auf dem vereinsamten Speicher des Gymnasiums neue Streiche aus und rauchten, wie es sich für echte Künstler geziemt, eifrig Zigaretten.





III. Kapitel

Alte Liebe rostet nicht und am Bahnhof endet eine erfolgreiche Versammlung


  Ohne große Begeisterung von der Aussicht auf einen neuen Schultag hatte Heini Bommel sein warmes Bett verlassen und mit eiskaltem Waschwasser das weitere Schlafbedürfnis notdürftig überwunden. Er fühlte sich durchaus nicht wohl in seiner Haut, und zwar weniger weil eine Mathematikarbeit zu erwarten war oder weil er weder für die lateinische noch für die englische Stunde im geringsten vorbereitet war. Viel drückender wog die Erinnerung an den gestrigen Abend. Es war doch ein recht übler Streich gewesen, dem Landjäger die Tür der Amtswohnung mit Klafterholz zu vermauern und dann auch noch eine Fensterscheibe einzuwerfen. Hoffentlich hatte er niemand erkannt, obwohl sein ergrimmtes Gebrüll das Gegenteil behauptete.

  Es genügte ja auch vollkommen, daß er vorher bei dem verbotenen Schlittenfahren auf der Straße und nachher bei der eigenmächtig verlängerten Polizeistunde scharf und dienstlich eingeschritten war. Da waren bestimmt wieder etliche Mark für einen Strafbefehl fällig. Es war überhaupt ein ganz verdrehter Abend gewesen. Die schwarze Förstershexe hatte alle Einladungen, auf seinem Schlitten Platz zu nehmen, mit konstanter Bosheit abgelehnt, da sie mit Inge befreundet sei und keinen Streit mit ihr haben wolle. Hernach hatte sich dann das Verdammte Luder in der Gastwirtschaft mehr als fest an den vergnügten Jeuck gedrückt, und der eifersüchtige Bommel trank bei dem Anblick so viel Wacholder, bis er auf rätselhafte Weise einen Grand mit Vieren und einer Zehn zu Fünft zum händeringenden Staunen der Kiebitze glatt umwarf.

  "Nun wird's aber allerhöchste Eisenbahn," unterbrach seine Schwester die düsteren Betrachtungen, "draußen pfeift sich die Frieda wieder den Mund schief. Wann bist Du eigentlich nach Hause gekommen?"

  Der gereizte Bruder brummte etwas vor sich hin, was er selbst nicht verstand, und versuchte eiligst einer unangenehmen Unterhaltung zu entrinnen. Aber natürlich, nun paßten die Turnschuhe nicht mehr in die Tasche, und bei diesem Wetter ging es doch sicher in die warme Halle. Klatschend flog der überflüssige Atlas auf den Tisch, daß die Kaffeetassen klirrten, der alte Herodot folgte der Welt, deren Rätsel seine Forscherseele so tief in ihren Bann zogen, schleunigst nach, nun noch die gut erhaltene weil kaum gelesene Morallehre, und es war Platz geschaffen.

  Zugleich schien es angebracht, den Mantel draußen anzuziehen, denn wenn auch das Schneegestöber keinen angenehmen Weg versprach, so bescherte es auf der anderen Seite einen unleugbaren Vorteil. Von Wegen Spuren suchen und Schuhe messen, das konnte der Landjäger jetzt ruhig aufgeben. Bis über den Knöchel reichte bereits der neue Schnee und wuchs noch ständig höher.   Hier und da schimmerte schon Licht aus Haus­ und Stallfenstern in die verschneiten Höfe und Gassen, und Onkel Tonis verdammter Köter bellte sich wieder die Kehle heiser. Dieses Vieh haßte Bommel von ganzem Herzen und das mit gutem Grund. Sein rasendes Kläffen war nämlich zum Verräter geworden, als er an einem stürmischen Herbstabend ein Versteck vor dem verfolgenden Nachtwächter gesucht hatte und war die Quelle für ein Strafmandat wegen groben Unfugs gewesen, begangen mit einem Korb Zwetschensteine vor der Wohnung des leicht erregbaren Privatmannes Adam Wohlgemut.

  "Nun beeil Dich aber doch ein wenig, Heini," trippelte das wartende Mädel aufmuntern einige Schritte voraus. "Wir sind wieder die Letzten."

  "Konntest ja schon im Wartesaal sitzen," klang die Antwort ähnlich dem Knurren des verwünschten Köters.

  "Nanu," drehte sich Frieda halb um, "Warum bist du den so eklig? Hat das Büblein schlecht geschlafen?"

  "Schlecht, wenig und auch noch allein." "Ich auch."

  Der Ton war so rührend jämmerlich, daß der Obersekundaner laut auflachte und noch einen Dorfkläffer aus seinen Hundeträumen aufscheuchte. Ein weiterer Gedankenaustausch über das Einzelschlafen in kalten Winternächten mußte jedoch unterbleiben, weil das Gebimmel des vorfahrenden Güterzuges, der bereits an der Dornburg vorbeischlich, zu größter Eile mahnte. Stumm spurten die beiden daher jetzt durch den tiefen Schnee und kämpften gegen den immer heftiger werdenden Wind, der bösartig von Norden durch das Elbtal fegte.

  Friedelchen war wirklich ein lieber Kerl. Bereits in der schon sagenhaft gewordenen Volksschulzeit hatte Heini Bommel den kleinen Racker erst heimlich und dann in späteren Jahrgängen öffentlich für sich in Anspruch genommen und blutige Kämpfe mit vielen Nebenbuhlern auszufechten gehabt. Körper und Sinne waren bei dem stets lustigen und nie zimperlichen Mädel früh gereift, und wenn es an heißen Sommertagen mit Paula und Anni bei den Buben in den Laubverstecken am Lasterbach weilte, geschahen manch verbotene Dinge. Einmal, als sie gerade splitternackt badeten, kam der Flurhüter zur denkbar ungünstigsten Zeit über die Wiesen, und Bommel wußte heute noch nicht, wer ihn damals schlimmer verprügelt hatte, sein maßlos ergrimmter Vater oder der zornblaue Lehrer. Als dann noch der Pfarrer das Ereignis in seiner Sonntagspredigt als Beispiel für die zunehmenden Sittenverderbnis verwertete, gab es sogar eine Neuauflage der schmerzhaften Erziehungsmethode, wobei die sonst friedfertige Mutter sehr überzeugend einen hölzernen Kochlöffel schwang. Dafür aß Hochwürden in diesem Jahre keine Pfirsiche aus seinem Garten, weil die köstlichen Früchte an einem wunderschönen Sommermorgen spurlos verschwunden waren. Zwar weissagte die nächste Kanzelrede furchtbares Unheil für die Verächter des geistlichen Besitzrechtes, aber trotz dieser gehässigen Voraussage blieben die so viel bedrohten Bubenhosen diesmal von unangenehmen Dingen verschont.

  Später, als Heini bei seinem Onkel im Nachbardorf Karl May und die lateinische Sprache kennen lernte lockerte sich das Verhältnis etwas.

  Als er aber stolz die grüne Mütze trug und Frieda sich in dem Büro eines Rechtsanwaltes nützlich machte, lagen beide an manchem warmen Herbstabend in der Tannenschonung am Bruch und freuten sich heiß und ehrlich über die Tatsache, daß der liebe Gott die Mädels und Jungens so verschieden erschaffen hat. Doch wie es so im Leben geht, die innige Verbindung, an der allerlei Klatschweiber ihre Zungen wetzten, überdauerte nicht einmal die Kartoffelernte. Es gab aber keinen Krach, der in solchen Fällen üblich ist, sondern beide bleiben auch in Zukunft gute Kameraden und erneuerten noch oft bei passender Gelegenheit die alte Liebe. Weder der Müller Peter Braß noch der Postsekretär Phillpp Bommel sahen diese Verbindung gerne, aber die Zeit, da der Kochlöffel regierte, war nun endgültig vorbei.

  In der Kurve auf dem Aulberg, dessen hohe Tannen ebenfalls so manche ungesetzliche Liebe gesehen hatten, holte das keuchende Paar den gemütlichen Jeuck ein, der es durchaus nicht eilig hatte.

  "Nur mit der Ruhe," unterbrach er seine leisen Flüche auf das Wetter, das eine Mannschaftsprobe unmöglich zu machen drohte, "Der Bahnhof läuft uns nicht fort."

  Der Wind hatte inzwischen wieder nachgelassen, und auch die Flocken fielen dünner. Es war geraten, die Augen aufzumachen, sonst stach man unversehens in einer tiefen Schneewehe oder in dem zugeschneiten Straßengraben. Das Tempo wurde daher langsamer und ermöglichte eine Unterhaltung, an der sich der verärgerte Heini zu­ nächst recht einsilbig beteiligte.

  "Du hast wohl einen Brummschädel von dem vielen Wacholder ?" erkundigte sich der Klassenkamerad freundlich. "Oder bist Du auf mich geladen, weil Bianka bei mir saß?"

  "Bianka?", wundert sich Friedelchen, " "Ich denke, Heini ist mit der lnge einig?"

  "Gewiß, aber gestern hatte er einen Seitensprung vor und ärgert sich nun, weil ich mich aufopferte und ihn vor einer Untreue bewahrte."

  "Unsinn, die schwarze Hexe kann mir gestohlen bleiben. Ich dachte eben nur an die Mathematikarbeit, von der ich keinen blassen Dunst habe."

  "Herrgottdonnerwetter, die hatte ich ja ganz vergessen. Ich wollte mir auch gestern noch den Sinussatz einpauken. Da werde ich schön reinrasseln."

  "Du brauchst Dir doch keine Gedanken zu machen. Wenn man neben Ebmeier sitzt, dann ist doch alles klar. Aber von den Faulpelzen, die in meiner Gegend sitzen, kann ich auch nicht die geringste Aufgabe abschreiben."

  "Du bist aber drollig," lachte das Mädel, "legst Dich selbst auf die faule Haut und schimpfst, wenn andere das Gleiche tun."

  "Wenn der alte Filou wieder drei Gruppen macht," beschwichtigte Jeuck den Neid, "dann ist es auch für mich nicht mehr so leicht. Überhaupt, der Hans-Jochen hat in letzter Zeit kaum noch das Mathematikbuch angesehen und ist auch bei weitem nicht mehr so zuverlässig wie früher. Außerdem hat er ja auch noch mit Horn so seine Last."

  "Komm mal schön mit, es werden sowieso schon einige fehlen. Allmang hat sich dafür schon zwei Wochen den Besuch beim Zahnarzt aufgespart. Je mehr fehlen, desto weiter kann er uns auseinandersetzen, und das ist große Scheiße im Kalender."

  "Was macht eigentlich Euer Freund Horn?" fragte das Mädel in der Erinnerung an das herrliche Radfahrerfest, man sieht ihn kaum noch im Zug."

  "Der wird jeden Tag verrückter mit seiner Partei und bringt dauernd Zank und Streit in die Klasse. Eine Woche ohne Versammlung mit Schlägerei kann er sich gar nicht mehr vorstellen."

  "Na, sehr sanft ist er wohl nie gewesen. Weißt Du noch, wie er auf dem Radfahrerfest dauernd mit den Westerburgern stänkerte?"

  "Bist Du ihn angebunden hattest, da war alles in Butter."

  "Wirklich, wir haben uns köstlich amüsiert an dem Abend, er kann manchmal auch ein ganz netter Kerl sein."

  "Das mußt Du mal einem Pauker sagen, der zweifelt an Deinem Verstand."

  "Mit wem pussiert er denn jetzt eigentlich?"

  "Das hat er jetzt so ziemlich eingestellt, seit er den Posten in der Partei hat," erwiderte Jeuck, der mit Horn und Ebmeier das berüchtigte Kleeblatt "Die drei Musketiere" bildete. Diese unheilige Dreieinigkeit beanspruchte nicht nur die Führung in der Klasse, sondern auch erheblichen Raum auf mancher Seite des Strafbuches, und es verging selten eine Lehrerkonferenz, die sich nicht mit ihnen beschäftigen mußte.

  "Nanu?" wunderte sich Frieda, "So kenne ich ihn ja gar nicht. Hatte er nicht mal was mit Ottes Else?"

  "Mag sein. Man sah sie öfters zusammen, ich glaube, er hat auch mit dem Dreipfennigsbrötchen eine Radtour gemacht. Aber lange kann die Herrlichkeit nicht gedauert haben, denn Elses Vater schlägt gern und oft mit dem Gummiknüppel auf die SA, und da versteht Horn durchaus keinen Spaß."

  Jeuck hatte übrigens recht gehabt, als er die große Eile verurteilte. Man war schon am Eingang des Dorfes, als der Zug erst durch den Eichwald keuchte. Der Himmel hatte sich aufgeklärt, und nur vereinzelte Flocken wurden vom Ostwind durch die Luft getragen. Stampfend und schlenkernd schüttelten sich die unfrommen Weihnachtsmänner ihre weißen Aufbauten ab, und Bommel unterstützte dabei seine Liebe außerordentlich hilfsbereit. Bei dem Gegenwind hatte sich der Schnee besonders auf der Vorderseite festgesetzt, und so lag es in der Natur der Sache, daß sich die arbeitsamen Hände auch in die Gegend der prallen Brüste verirrten.

  "Schlechter Kerl," verlockte ihn Frieda zu einem zweiten Attentat und wahrhaftig, mitten auf der Straße umarmten und küssten sich die beiden trotz der schneidenden Kälte und dem spöttischen Husten des Zuschauers.

  "Du bist wirklich zu beneiden," stichelte er, "Morgens Frieda, am Tage Inge und abends, abends natürlich Bianka."

  Der hilfreiche Bommel würdigte ihn keiner Antwort. Im Stillen wünschte er natürlich den Klassenkameraden ebenso wie den Strom von Arbeitern, Lehrjungen, Marktfrauen, Verkäuferinnen und sonstigen Zeitgenossen, die sein holdes Spiel störten, ins Pfefferland, und den Erfinder der Straßenbeleuchtung nebenbei auch. Und Frieda machte ein so unschuldiges Gesicht, daß Jeuck richtiggehende Bewunderung für diese Verstellungskunst empfand.

  Hubert Becker und sein Schatten, die vorlaute Erna, standen bereits auf dem Bahnsteig, und erstaunlicherweise auch der breitschulterige Klassenvorsteher, auf dessen Schulgeld der Direktor so gerne verzichtet hätte.

  "Milletonnere," gab Bommel überrascht eines seiner wenigen Französischen Wörter preis, "Wo kommst Du denn her?"

  "War gestern zum Saalschutz hier, und bin bei dem Sauwetter in der Nacht gleich bei Becker geblieben."

  "Ist die Versammlung glatt abgegangen?"

  "O ja. Wir mußten nur ein halbes Dutzend Bananen rauswerfen. Ein jämmerliches Pack übrigens, sie schrien gleich nach Mama und Papa, als die Sache ernst wurde. Die Arbeit hat sich gelohnt, 8 Beitrittserklärungen und auch noch eine gute Spende für den Kampffond."

  Frieda gab Horn freundschaftlich die Hand und erinnerte den neugierigen Heini daran, daß er noch Zigaretten zu holen habe. Sie machte nämlich an jedem Morgen auf zwei Stück unbedingten Anspruch, weil er sie vor langen Monaten zum Rauchen verführt habe.

  "Und wer hat das andere besorgt?" fragte Erna boshaft. Eine gleichspitze Antwort blieb aus, weil ein anderes Ereignis dazwischen kam.

  "Heil Hitler!" begrüßte Horn nämlich einen jungen Schlosser und schaute dann scharf nach einer kleinen Gruppe an der Bahnhofsecke, die lärmend näher kam.

  "Was ist denn da drüben los? Das sind doch die Kerle von gestern Abend. Haben die Herrschaften Bedarf an einer zweiten Abreibung?"

  "Halt deine Fresse, verdammter Hund. Dir werden wir auch noch die Knochen sortieren."

  Weiter war nichts notwendig, um Horn zur Tat zu treiben. Mit drei schnellen Schritten stand er vor dem Haufen und warf den überraschten Sprecher, der wohl mit einem längeren Wortwechsel gerechnet hatte, in seine verdutzten Genossen hinein. Noch einer torkelte getroffen gegen die Mauer, ein anderer, der einen Stock hob, wurde von dem Schlosser unterlaufen, einen dritten legte Jeucks sauberer Kinnhaken in den Schnee, einem vierten, der fliehen wollte, half Horns rascher Fußtritt zu einer ungewünschten Beschleunigung.

  Der Bahnhofsvorsteher stürzte bei dem Lärm aus seinem Dienstraum, aber ehe er bei dem trüben Lichtschein einschreiten konnte, waren beide Parteien in dem Gewühl verschwunden. Nur der immer noch unzufriedene Horn blieb ruhig stehen.

  "Was ist hier vor sich gegangen? Wer hat hier geschrien?"

  "Ach, da haben sich ein Paar Jungen mit Schneebällen beworfen."

  "Das ist grober Unfug, Transportgefährdung, das dulde ich nicht. Waren Sie auch beteiligt?"

  "Ich? Bitte, schauen Sie nach, ob ich vielleicht Schnee an den Handschuhen habe."

  Ein weiteres Verhör war nicht möglich, weil der Dienst den Beamten an den einlaufenden Zug rief.

  "Ihren Namen bitte?" wollte er noch wissen, aber der Klassenvorsteher der Obersekunda war sehr unhöflich und verschwand ohne sich vorzustellen.





IV. Kapitel

Ein Zug fährt durch den Wintermorgen, und der Sport ???? findet wenig Beifall


  In aller Seelenruhe ließ der Klassenvorsteher der Obersekunda den Zug vorbeirollen und sprang dann trotz Schnee, Dunkelheit, Schultasche und Wintermantel mit einem Riesensatz auf die Plattform des letzten Wagens. Die wohlgeformte und bildschöne Else hatte mit diesem beliebten und verbotenen Sport gerechnet und warf dem überraschten Springer einen kopfgroßen Schneeball ins Gesicht. Den notwendig gewordenen Rückzug deckte ihr ritterlicher Freund Nett, und etwas später kam auch noch der Schaffner und vereitelte durch die Frage nach der Fahrkarte Horns unverkennbar böse Absichten.

  "Warte nur, Dreipfennigsbrötchen," spukte er Schnee und Wut, "Wir werden hernach abrechnen."

  "Wer hat, der hat," klatschte sich Else lustig auf ihre stramme Sitzfläche, "Komm Karl, der Brummbär hat wieder schlecht geschlafen. Vielleicht hat ihm auch mein Vater wieder zu einer dreifach verdienten Strafe verholfen, und er möchte nun seine Rachegelüste bei seiner schutzlosen Tochter austoben."

  Mit einer Verwünschung, die dem Landjäger samt seiner Tochter galt und gewissenhaft auch den derzeitigen Schwiegersohn nicht ausschloß, verabschiedete sich der geschworene Feind der Republik und ihrer Polizei, stolperte im nächsten Abteil über einen jaulenden Hund, gab dem grollenden Besitzer völlig unpassende Antworten und landete schließlich im Stamm wagen der Obersekunda, wo Knurren, Hallo und Gekicher seinen Eintritt begleitete.   Es war das gewohnte Bild, das fast an jedem Morgen, wenn nicht zufällig einer schwänzte oder Sonderinteressen hatte. dieselben Personen und die gleichen Begebenheiten darstellte, ein Bild, das dem Religionslehrer seine wenigen Harre steil in die Höhe getrieben hätte. In der einen Ecke balgte sich der wieselflinke Becker mit der pulvergeladenen Erna und wagte dabei höchst bedenkliche Griffe. Nicht diese Griffe an sich, sondern ihre hör­ baren Wirkungen riefen sichtlich die Mißbilligung des gegenübersitzenden Jeuck hervor, da sie ihn allzu sehr von den überaus wichtigen Neuigkeiten der Sportzeitung ablenkten. Auf der anderen Seite waren Bommel, der sich bestimmt besser um seine Logarithmentafel gekümmert hätte, und die zarte lnge ziemlich erfolglos bemüht, ihre verliebten Spielereien mit einem Kreuzworträtsel zu tarnen. Lilo und Zita dagegen, die eine groß, schlank und blond, die andere groß breit und schwarz, waren in ein Modeheft vertieft und offenbarten mit gelegentlichen Bemerkungen solide Kenntnisse und geheime Wünsche. Weiter vorne versuchten Hillebrandt und seine Genossen aus der Untersekunda durch einen Heidenlärm Eindruck zu schinden. warfen Mützen, Mäntel und Taschen umher und wurden eben vom Schaffner mit einer Meldung bedroht.

  "Na, wie steht die Lage?" setzte sich der letzte Fahrgast nach einem raschen Rundblick an die Seite seines Freundes, "Hat Elz noch Aussichten? Das gestrige Unentschieden hatte ich nicht erwartet."

  "Meinst Du denn in diesem Puff könnte man lesen? Es geht hier jeden Tag toller zu."

  Wie eine Katze fauchte die zierliche Erna los, während auf der Gegenseite die empfindsame lnge von ihrem Freund abrückte und endlich den ägyptischen Sonnengott als erstes Wort in ihr Kreuzworträtsel eintrug.

  "Das lasse ich mir nicht bieten, von Dir schon lange nicht, Jeuck, Du bist ein ganz gemeiner Mensch mit Deinen Ausdrucken. Nur so ein schlechter Kerl wie Du findet etwas bei harmlosen Scherzen. Geh doch in ein anderes Abteil, wenn Du hier gestört wirst. Es hält Dich bestimmt niemand fest."

  "Reg Dich nicht so künstlich auf," kam die gleichmütige Antwort, "Du bekommst sonst noch Runzeln in Dein schönes Gesicht."

  "Dir kann es ganz gleichgültig sein ob ich schön oder häßlich bin, mit Dir mag ich doch nichts zu tun haben."

  "Also gut. dann sei auch wieder friedlich," steckte der Leser seine Nase wieder in die Zeitung und ließ die noch folgende kurze, aber sehr gehässige Schilderung seines Charakters klugerweise unbeachtet.

  Während der liebevollen Aussprache, die sehr oft stattfand und die zungengewandte Ema stets als Siegerin sah, hatte die Modezeitschrift das Interesse der beiden Freundinnen verloren. Lilo bat den schweigenden Horn, der sich gemütlich auf die Bank flegelte und einen Teil der Sportzeitung ergriff, mit rührenden Augen um eine Zigarette und blies ihm dann zum Dank den Rauch frech ins Gesicht.

  "Kommst Du heute mit nach Limburg? Du hast doch auch den Graf von Monte Christo noch nicht gesehen?"

  "Das Stück läuft ja noch die ganze Woche."

  "Heute mache ich eine Schlittenpartie. wenn das Wetter einigermaßen günstig ist."

  "Wen nimmst du denn mit?" erkundigte sich die braue Zita mit halb geschlossenen Filmaugen.

  "Ebmeier fährt mit, vielleicht auch Müller noch, wenn er den Arrest nicht abbrummen muß."

  "Warum vergißt Du denn Irma und Milchen zu erwähnen? Die beiden werden doch bestimmt nicht fehlen. Lilo und ich hätten uns auch riesig über eine solche Tour gefreut, aber die Hadamarer gehen natürlich vor."

  "Aber Kind," wurde der spottgetränkte Vorwurf abgewiesen, "Ihr wollt doch mit irgendwelchen Freunden ins Kino, ich hätte mir also sicher einen Korb geholt. Außerdem habe ich in der letzten Zeit keine guten Erfahrungen mit meinen Einladungen gemacht."

  Während Lilo neugierig fragte, wie das gemeint sei, hatte ihre Mitschülerin den Hinweis verstanden und wurde rot vor Ärger und Verlegenheit. Am Sonntag vor acht Tagen war sie mit Horn in Theater gewesen, und als der unbeschwerte Draufgänger nachher zum mindesten ihre roten Lippen küssen wollte, tat sie prüde wie eine siebzehnjährige Nonne. Es war überhaupt nicht recht schlau aus diesem Mädel mit den lockenden Augen und dem zurückstoßenden Benehmen zu werden. Ein Eunuche konnte wild werden, wenn Zita sich auf die Bank legte und ihre strammen Beine sehen ließ, fast bis dahin, wo sie aufhörten. Versuchte aber jemand, benommen von diesem aufreizenden Anblick, sich handgreiflich von der Wirklichkeit des Geschauten zu überzeugen, so spukte sie Gift und Galle und strafte den Sünder mit eisiger Verachtung.

  "Wohin wollt Ihr denn fahren?" unterbrach der weithin bekannte Torwart das spannende Studium der Ligatabellen.

  "Ich dachte rund ums Heidenhäuschen, damit so etwa dreißig Kilometer dabei herauskommen. Die beiden Vierjährigen müssen mal ordentlich mürbe gemacht werden, sonst schlagen sie noch den Stallboden kurz und klein. Wenn Du Lust hast, hole ich Dich ab. Es gibt noch Platz im Schlitten, und es bleibt sich ja auch gleich ob wir die Fahrt links- oder rechtsherum machen"

  Jeuck steckte sich umständlich eine winzig kleine Pfeife an. Er rauchte grundsätzlich keine Zigaretten, weil das unsportlich sei. Das auffallend geringe Fassungsvermögen des Pfeifenkopfes hatte die an allen Lastern interessierte Gerda einmal zu der Frage veranlaßt, ob er Opium enthalte. Die Antwort war von erstaunlicher Grobheit gewesen.

  "Lust hätte ich schon," schaute er nachdenklich in die Rauchwolke, "Na, wir können ja nachher mal darüber reden, wenn Ebmeier und Müller dabei sind. Eine Sauf tour solls wohl nicht geben, meine Finanzen sind nämlich etwas schwach."

  "Von wegen Sauftour, Du kennst doch Irma."

  "Da muß es schon sehr kalt sein, wenn sie uns mehr als einen Grog erlaubt."

  "Die scheint Euch ja alle hübsch an der Kandarre zu haben," lachte Lilo spöttisch, "daß sich der Herr Klassenvorsteher beim Trinken Vorschriften machen läßt, das habe ich noch nicht erlebt."

  "Du mußt mal öfters mit ihm ausgehen, dann wirst Du noch ganz andere Dinge erleben."

  "Oh danke," reckte die blonde Sekundanerin ihren schlanken Körper, daß die wundervollen Brüste das Kleid zu sprengen drohten, "Das kann ich mir lebhaft vorstellen. Über gewisse Dinge spricht ja schon die halbe Provinz."

  Ehe der Heros aller üblen Elemente des Gymnasiums seinen guten Ruf verteidigen konnte, brach Zita ihr schmollendes Schweigen und gab dem Gespräch eine andere Richtung.

  "Wißt ihr übrigens schon das Neueste? Horst und Gerda haben dicke Freundschaft geschlossen."

  "Warum auch nicht?" nahm Horn rasch das Stichwort auf, "Goerges ist jetzt in dem richtigen Alter für eine solide sexuelle Grundausbildung, und Gerda hat alle erforderlichen Talente dafür."

  "Oder hattest Du vielleicht erwartet, daß er dich für den Lehrgang in Anspruch nehmen werde?" erkundigte sich Jeuck in sachlichem Ton.

  "Pfui", entrüstete sich das Mädel. das so gerne die Priesterin der Vesta spielte, "Mit Euch kann man sich nie anständig unterhalten."

  "Aber gewiß, aber dann fange auch nicht selber mit Poussagegeschichten an, sondern etwa mit - , - mit den neuen Abseitsregeln oder den Olympischen Spielen."

  "Wann war denn das erste Olympiafest?" tat ihm die gutmütige Lilo den Gefallen und sah dabei mit Vergnügen Horns bewundernden Blick auf ihren runden Busen.

  Damit war der Groschen in den Musikapparat gefallen, und die Ereignisse des Jahres 1896 in Athen fanden vor mäßig interessierten Zuhörern eine eingehende Würdigung. Der eifrige Jeuck war in Sportdingen ein wandelndes Lexikon, und wie zum Beispiel ein guter Schüler Namen und Regierungszeit jedes deutschen Kaisers kennt, so konnte er ohne sich zu besinnen alle deutschen Meister samt den Ergebnissen der Endspiele von der Urzeit des Fußballs an bis heute lückenlos aufzählen. ein Wissen, das leider kein Lehrer gebührend zu schätzen wußte.

  "Aber die erste Olympiade war doch im Jahre 772 vor Christi Geburt," warf die kluge Zita ein.

  "Geh fort mit diesen ollen Kamellen. Was die alten Burschen dort unten getrieben haben, hat doch mit richtigem Sport nichts zu tun. Jene fußballosen Zeiten existieren für mich überhaupt nicht, das ist dunkelste Steinzeit, zu der wir außer ein paar Worten wie Stadion, Diskus und Marathonlauf überhaupt keine Verbindung haben. Überhaupt jeder Sport, ganz egal ob Schwimmen, Leichtathletik oder sonst was, hat nur Wert als Training für den Fußball."

  Der sonst schweigsame Jeuck hätte noch viel und lange zu diesem Thema zu sagen gehabt, mehr jedenfalls als zu dem Aufsatz über Lessings Minna von Barnhelm am Samstag, wenn nicht in Niederzeuzheim neue Fahrgäste eingestiegen wären.   "Wenn er sich nur halb so viel um seine Schulsachen kümmern würde, wäre er bestimmt der primus in der Klasse," flüsterte Inge belustigt. Doch ihrem treuen Heini, der auf Linksaußen stürmte und ebenfalls viel unter den Verfolgungen der Lehrerschaft zu leiden hatte, war ein Gespräch über den Zusammenhang von Sport und Zeugnis höchst unerwünscht. Zärtlich streichelte er die kleine Hand und flüsterte der errötenden Freundin etwas zu, was mit Fußball oder Schule durchaus nichts zu tun hatte.

  So leise er auch sprach, der hellhörigen Lilo entgingen seine Worte trotzdem nicht.

  "Ihr steht wohl kurz vor der Brautnacht?" erkundigte sie sich anzüglich, worauf Inge unter all­ gemeinem Lachen und Gekicher nach der dunklen Landschaft des Elbtales schaute und Bommel bös­ artig knurrte, sie solle sich gefälligst um ihre eigenen Angelegenheiten kümmern. Er frage ja auch nicht danach, ob sie bei dem dicken Schaft stehe, sitze oder liege, obwohl er das Letztere bestimmt annehme.

  Es entbrannte ein wogender Streit zwischen den beiden, der zwischen Scherz und Ernst schwankte, mit viel Ein- und Zweideutigkeiten, und aufmerksam hörte der zugestiegene Theodor Meilinger dem Wortgefecht zu.   Der neue Gast den man Pater Filizius nannte, war der erste Vertrauensmann des Religionslehrers, und es kam in der letzten Zeit öfters vor, daß er sich in diesen sonst gemieteten Wagen verirrte. Man vermutete nicht ohne Grund, daß er dazu einen Auftrag habe, denn das Wissen seines priesterlichen Erziehers über die Schandtaten der Fahrschüler wurde seitdem immer reichhaltiger.

  "Guten Morgen, Herr Kaplan," rempelte ihn der gestörte Becker an, "Sie suchen wohl Kundschaft für den leeren Beichtstuhl?"

  "Oder haben Hochwürden Verlangen nach einer gefälligen Haushälterin?" erkundigte sich Bommel frech.

  "Habe ich etwa Aussichten?" schob Lilo aufreizend den Rock über ihren runden Knie.

  "Schau genau hin", forderte Jeuck freundschaftlich auf und befolgte auch selbst seinen eigenen Rat, "So etwas sieht Dein keusches Auge doch nur selten."

  "Kindsköpfe," knurrte der Priesteramtskandidat und wandte das sittlich entrüstete Gesicht von der Gefahr seiner Unschuld ab.

  "Seid vorsichtig," mahnte Becker in gemachter Sorge, "Pater Filicius schickt uns seinen großen Bruder auf den Hals."

  "Hör mal zu," steckte sich der spiritus rector aller schlechten Streiche eine neue Zigarette an und konnte wiederum Lilos bettelnden Augen widerstehen, "Mach ja keine Falschmeldung, wenn Dich Dein Herr und Meister fragt. Also Inge gehört zu Bommel, Erna zu Becker, Lilo zu Jeuck und Zita natürlich zu mir. Nicht wahr, Liebling, das stimmt doch. Und wir haben uns mächtig geküsst und gedrückt, und sogar ein Schlüpfer ist zerrissen worden. Bei wem, das kann ja Herr Leber leicht feststellen. Oder willst Du das tun? Dann fang nur gleich bei Inge an, sieh mal; das schlechte Gewissen färbt sie schon ganz schamviolett."

  Nun zog es der unerwünschte Aufpasser doch vor, zu verschwinden. Seit dieser hemmungslose Geselle neulich am hellichten Tag ihm gegenüber die quietschende Else auf seine Knie gezogen und schamlos abgeknutscht hatte, traute er dem Ausbund an Schlechtigkeit zu, daß er die zerrissen Wäsche am Körper der Trägerin vorzeigen werde.

  "Dieser verdammte Schleicher," brummte Becker noch und erneuerte dann das unterbrochene Spiel mit der erhitzten Erna, die sich vergeblich und gewiß auch nur scheinbar aus seinen Händen zu befreien versuchte.

  "Weshalb hast Du denn vorhin uns beide zusammengenannt?" fragte Zita zornig, "dieser alte Petzer fast den üblen Scherz sicher als ernst auf, und dann ist mein guter Ruf bei den Lehrern ruiniert."

  "Weshalb ich das getan habe? Ach du liebe Zeit, Zitakind, jetzt habe ich doch meine heimliche Liebe verraten. Hast Du den noch nie gemerkt, wie ich immer deinen Spuren errötend gefolgt bin?"

  "Armer Norbert," bedauerte Jeuck mit komischen Gesichtsverrenkungen seinen Freund, "das ist eine verdammt einseitige Geschichte und wird es bei unserer Jungfrau von Orleans auch bleiben. Hoffentlich stirbst Du mir nicht vor dem nächsten Fußballspiel an Liebeskummer, noch habe ich keinen Ersatzmann für Dich."

  "Da kannst Du recht haben, Jeuck, solche rohe und gemeine Kerle wie Du und der andere dort sind mir wirklich nicht sympathisch."

  "Das wußte ich, Zita, das wußte ich, Deshalb habe ich es auch vorhin bedauert, daß Gerda Dir unseren Künstler weggeschnappt hat. Aber versuchs doch mal mit Pohl, zwischen Euch tiefsinnigen Naturen besteht doch sicher so etwas wie eine Seelengemeinschaft."

  Der Himmel mochte wissen, wo Jeuck dieses von jeglichem Sportausdruck so weit entfernte Wort aufgeschnappt hatte. Jedenfalls erfüllte jetzt ein schallendes Gelächter das Abteil, so daß die Untersekundaner sogar ihre Rauferei unterbrachen und der flinke Hillebrandt auf Grund seiner guten Eckbälle neugierig näher zu kommen wagte.

  Der Vorschlag war auch wirklich interessant, denn jeder aus der Klasse kannte die Geschichte, wie der verliebte Pohl, leicht angeheitert, auf dem Ausflug vor den großen Ferien Zitas Unschuld mißachtete und dann, als Professor Bosing einem menschlichen Bedürfnis folgend in die Büsche ging, vor den erstaunten Augen des Lehrers etliche saftige Ohrfeigen bezog. Seitdem war zwischen der Jungfrau und dem Jüngling grimmige Feindschaft, die oft in hellen Flammen aufloderte und der Klas­ se manche vergnügte Minute bescherte.

  Der Zug mäßigte seine Geschwindigkeit, und im Morgengrauen wurden Hadamars verschneite Dächer sichtbar. Man machte sich je nach Gemütsart hastig oder gemächlich zum Aussteigen fertig, obwohl dieser oder jene lieber bis Limburg durchgefahren wäre oder noch weiter von der Schule weg. Becker und Bommel halfen ihren Mädels in die Mäntel und fanden dabei Gelegenheit zu einer letzten Zärtlichkeit. Horn leistet Zita den selben Dienst, wagte aber nicht den gleichen Lohn zu verlangen. Das hätte ein schönes Theater im Abteil werden können! Jeuck, der nur auf dem Sportplatz seine stoische Ruhe verlor, kam natürlich mit seinem Hilfsangebot bei der wendigen Lilo zu spät. Dafür nahm er sie jedoch ritterlich vor einem Attentatsversuch des kecken Hillebrandt in Schutz, der dem vielbewunderten Mädel einen Zettel mit der Aufschrift "Ich suche zwei kräftige Männer" auf den Rücken heften wollte.

  Lilo las den Zettel und schaute dem verlegenen Missetäter, der nur dank seiner sportlichen Fähigkeiten einer Leibesstrafe entging, mit ihrem Spitzbubenlächeln ins hochrote Gesicht.

  "Bei Bedarf werde ich an Dich denken," versprach sie und sprang flink vom fahrenden Zug in den Schnee. Der Klassenvorsteher, der ihr eiligst folgte um die Rechnung mit der schneeballwerfenden Else zu begleichen, wäre beinah zu Fall gekommen, weil er vor lauter Rachsucht nicht aufpaßte. Er hatte deswegen eine unliebsame Auseinandersetzung mit einem Bahnbeamten, und als er endlich den drohenden Paragraphen der Verkehrsordnung entweichen konnte, war das frech Biest schon längst jenseits der Brücke verschwunden. Ein völlig schuldloser Tertianer, der ihm vor die Finger lief, bekam einen soliden Fußtritt und konnte sich beim besten Willen den Grund nicht erklären. Da es zufällig Emas Vetter war, so war der Stoff für eine Unterhaltung bis vor das Portal des Gymnasiums gegeben. Die Ausdrücke "Roher Bauernbengel" und "Geile Gans" waren die beiderseitigen Schlußpunkte.





V. Kapitel

Am schwarzen Brett wird ein Gedicht entdeckt und die Obersekunda erhält dafür Arrest


  Drei Personen teilten sich die schwere Schuld, daß Direktor Heun in der Vorfreude auf das kommende Mittagessen gestört wurde und sich bedenklich einem Schlaganfall näherte: Zunächst die blonde Lilo, die mit den Gaben des Witzes und der Dichtkunst gesegnet war und den Einfall einer beschwingten Stunde zu Papier gebracht hatte, dann der kecke Hans-Jochen Ebmeier, der begeistert ihre Schöpfung auf eine etwas ungewöhnliche Weise veröffentlichte, und endlich der Hausmeister Hackert, der nach der letzten Pause das corpus delicti entdeckte und pflichtgemäß seinen Vorgesetzten überreichte.

  "Am Schwarzen Brett auch das noch," stöhnte der Herr über 21 Lehrer und 317 Schüler und hielt den nahen Untergang des Abendlandes für höchst wahrscheinlich, "Welch ein Hohn auf alle Zucht, welch ein Mißbrauch einer amtlichen Einrichtung! Und welche Verachtung von Bildung und Moral, ja der ganzen menschlichen Kultur spricht aus diesen üblen Machwerk! Daß so etwas an meiner Anstalt geschehen konnte, man könnte am Sinn der gesamten humanistischen Erziehung verzweifeln. Aber natürlich wieder die Obersekunda, was ließe sich von diesem profan vulgus, dieser Horde von Rüpeln und Flegeln schon Gutes erwarten? Aber diesmal werde ich ein Exempel statuieren, daß der verruchten Bande in die Knochen fahren wird."

  Ein heftiger Faustschlag auf den Schreibtisch setzte den Schlußpunkt unter die Anklagerede. Und dabei war das Gedicht gar nicht so übel, sonst hätte sich Ebmeier bestimmt nicht mit der Schreibmaschine geplagt und die Zeit lieber dem Schlittschuhfahren auf dem spiegelglatten Elbbach gewidmet. So aber hatte er sich weit mehr Mühe gegeben, als bei der wichtigsten lateinischen Übersetzung und ohne Tippfehler folgende Verse niedergeschrieben, wobei bescheiden Verlag und Verfasser nicht angegeben wurden:

  Zu denen, die mit frechem Lachen,
  Tagtäglich dumme Streiche machen,

  die stets gewohnt an schlechte Noten,
  und niemals scheuen was verboten,

  bei Fragen gern bescheiden schweigen,
  und nur beim Boxen Ehrgeiz zeigen,

  oft im Arrest die Sünden büßen,
  und nichts vom Satz des Thales wissen,

  die Caesar und Homer verachten,
  und nicht nach Platos Weisheit trachten,

  die ihre Lehrer dreist betrügen,
  und manches graue Haupt belügen,

  die in der Pause heimlich rauchen,
  beim Fußball sich die Knochen stauchen,

  die in den übelsten Spelunken,
  schon viele Gläser Bier getrunken,

  die häufig fern der Schule bleiben,
  und sich mit Skat die Zeit vertreiben,

  die keinen Frevel unterlassen,
  den Mädels nach dem Busen fassen,

  die auf dem Herzenberg spazieren,
  um Lehrerstöchter zu verführen,

  die ihre Bosheit nicht verhehlen,
  beim Ausflug freche Lieder gröhlen,

  zu diesen wüsten Satanssöhnen,
  die auch die Kirche dreist verhöhnen,

  zu diesen Nägeln an den Särgen,
  die einstens unsre Lehrer bergen,

  gehört, merkt Euch den Namen wohl,
  der schwarzgelockte Walter Pohl!

  Während der Direktor zum dritten und vierten Mal die schlimmen Worte las und seine flammende Entrüstung sich auf dem Gesicht des Hausmeisters widerspiegelte, hatte die in der Mehrheit ahnungslose Obersekunda die Schule eigentlich schon vergessen. Denn die letzte Stunde war zum Turnen bestimmt und zählte nicht zu den Zeiten der Gefahr, wie etwa Mathematik oder Griechisch. Auf dem verschneiten Schulhof stand die Klasse und wartete auf das Ende des Zweikampfes, den Oberlehrer Kreckel mit dem starrköpfigen Jeuck ausfocht.

  "Nein bei diesem Schnee kann man nicht Fußball spielen. Wir gehen in die Turnhalle."

  "Was kann man nicht?" Jeuck blickte Herrn Kreckel an, als zweifle er an dessen Verstand. "Fußball kann man immer spielen! Was hat denn der Schnee damit zu tun? Ich bitte Sie, Herr Oberlehrer, die paar Flocken haben absolut nichts zu bedeuten."

  "Sie sind unverbesserlich, Jeuck, ich glaube. Sie spielen auch noch im Schlaf."

  "Geträumt habe auch schon davon," gab der Sportkönig des Gymnasiums unter dem Gelächter der Klasse zu.

  "Und dabei sagte dieser Lügner noch heute früh, er träume immer von mir," flüsterte Gerda ihrer Nachbarin zu.

  "Nach der Schlittenfahrt gestern abend hat er bestimmt von Dir geträumt," meinte die rundliche Erika boshaft.

  "Wenn es daran liegt, dann wird Dein Schaft sehr unruhig geschlafen haben," kam es in gleichen Ton zurück.

  Inzwischen hatte es Müller trotz seiner Eulenbrille fertiggebracht, statt eines Raben, der seelenruhig auf seinem Ast sitzen blieb, eine Fensterscheibe zu treffen.

  "Jetzt gehen wir aber sofort in die Turnhalle," entschied Herr Kreckel unwillig, "Setzen Sie sich doch zwei Brillen auf die Nase, wenn eine nicht genügt, Sie Kunstschütze."

  Nun kamen auch Horn, Nett und Schaft, die während der Physikstunde im Adler Skat gespielt hatten, gemächlich über die Straße geschlendert und unterhielten sich ernsthaft und gründlich über verschiedene Fehler. Doch das folgenschwere Schneiden der Herzzehn, das einem Grand-Hand zum Verderben wurde, beeinträchtigte ihre Entschlußkraft nicht im geringsten. Den Haufen vor der Turnhalle sehen, die gute Treffermöglichkeit begreifen und die ersten Schneebälle werfen war die Sache weniger Augenblicke. Else und Lilo begannen hell zu kreischen, Pohl faßte sich verdutzt an die Nase, Bokler ins Genick, Duchscherer an die Stirn, und schnell stob die Klasse auseinander und ließ den Lehrer mit Schlüssel in der Hand allein zurück.

  Wohl nutzten die Angreifer die Überraschung aus und nahmen Deckung hinter den dicken Kastanienbäumen, aber auch ohne die Mädels standen 23 Feinde gegen sie, darunter so sichere Schützen Wie Becker, Ebmeier und Jeuck. Schritt für Schritt mußten sie zurückweichen und schließlich unter dem Hallo der Verfolger den Spielplatz verlassen. Auf der Straße jedoch ging die Schneeballschlacht weiter und nahm bald so unübersichtliche Formen an, daß sich ein friedlicher Katastersekretär fluchend nach seinem Hut bücken mußte.

  Als der trotzige Horn dem aufgebrachten Beamten mit höhnischen Worten die Möglichkeit zu einer Beleidigungsklage gab, rief Herr Kreckel, der in dem empörten Bürger einen Stammtischkollegen erkannte, mit schrillem pfeifsignal zur Ordnung.

  "Aufhören und sofort hierherkommen. Guten Morgen, Herr Gerlach. Ja, ja ich werde den Lausbuben mal für eine Stunde einsperren."

  Mit erhitzten Gesichtern und bitterkalten Fingern schüttelte sich die tobende Horde die Spuren des Kampfes von Haupt und Gliedern und folgte dem strengen Befehl zur Waffenruhe. Von einer Strafe war jedoch keine Rede, weil der Turnlehrer bei seinem besten Leichtathleten über manches Ordnungswidrige hinwegsah.

  "Marsch in die Halle!"

  Polternd stürzte der Haufen durch das Tor. und der verärgerte Jeuck erlebte jetzt eine große Freude. Die Halle war nämlich nicht geheizt, und der Umkleideraum ebenso wenig. Zornig schimpfte der Lehrer über die Bummelei des Hausmeisters. Es ginge doch nicht allen Leuten so wie Herrn Hackert, dem der Schnaps allein gegen die Kälte genüge. Aber das Schimpfen machte die Halle nicht wärmer, und so wurde endlich doch der Fußball aus dem Schrank geholt; Die Mädels sollten zuschauen oder sich in der Klasse beschäftigen, wenn ihnen zu kalt sei.

  Es war nun doch ein Unterschied, ob man auf festem Boden oder in dreißig Zentimeter Neuschnee spielte. Jeuck als Tormann hatte gut reden, er konnte oder er wollte nicht beurteilen. wie sich etwa ein Stürmer unter solchen Verhältnissen abrackern mußte. Schnell wurde das Leder feucht und schwer, und eine Ballberechnung war völlig ausgeschlossen. Das war durchaus kein Fußball­ spiel, wie man es von der Obersekunda gewöhnt war, sondern eine ganz gewöhnliche Holzerei.   "Mensch." stöhnte Becker erbost, als er wieder erfolglos losgestürmt war, weil Duchscherers Flanke im Schnee stecken blieb, "Wenn das Fußball ist, dann ist unsere vielgeliebte Gerda eine Nonne."

  Zum Glück für den genarrten Rechtsaußen saß das erwähnte Beispiel über einem nicht ganz unbedenklichen Roman in der warmen Klasse, sonst hätte auch die Anwesenheit des Lehrers nicht vor einer Flut liebloser Worte geschützt.

  Der schnelle Allmang hatte inzwischen die verunglückte Flanke erwischt und eilte davon. Das heißt, er hatte die gute Absicht, aber bereits nach wenigen Schritten stolperte er über den Ball und sah ihn traurig von Horns Fuß in hohem Bogen zu Bommel hinüberspringen. Der kühne Heine wurde jetzt vom Übermut geplagt und versuchte das nasse Leder mit dem Kopf zu dem ungedeckten Nett zu lenken. Der Versuch mißlang natürlich und erinnerte ihn lebhaft an den Augenblick, da er bei der Versammlung in Heuchelheim einen Gummiknüppel auf seinem Schädel spürte.

  Immer noch stand das Spiel 0:0, und auch Lilo und Zita verloren das Interesse und begaben sich als letzte Zuschauerinnen in das Klassenzimmer. Der erregte Jeuck fand sehr häßliche Worte für seine Mitspieler, die sich doch bestimmt alle Mühe geben und nicht wie lahme Affen über den Platz torkelten. Das besagte Vettern der Menschheit auch noch in ihrer eigenen Scheiße festfrieren können, war eine zoologische Entdeckung von unbestreitbarer Priorität, die aber nicht Herrn Kreckels Beifall fand.

  Mitten in der anfeuernden Schimpfrede geschah ein Wunder. Allmang schüttelte den verfolgenden Mittelläufer ab, brach durch die feindliche Verteidigung und stand wenige Schritte frei vor dem Tor, wo der aufgeregte Goerges zappelnd die unvermeidliche Niederlage erwartete. Aber es geschah noch ein zweites und zwar ein sehr rohes Wunder, denn der umgangene Schaft hakte entgegen allen gültigen Regeln nach dem schußbereiten Bein und brachte den siegessicheren Allmang rücksichtslos zu Fall.

  "So eine Gemeinheit." "Das sieht Dir ähnlich." "Hinterlistiger Bruder."

  Die Stimmung war auf beiden Seiten äußerst günstig für eine Allgemeine Schlägerei. Herr Kreckel jedoch pfiff und zeigte schweigend dorthin, wo sich der Elfmeterpunkt unter dem Schnee verbarg.

  Doch bevor der drohende Wortwechsel zwischen Allmang und Schaft eine Sühne des Verbrechens ermöglichte, kam der Hausmeister gleich dem Götterboten Hermes vom Portal des Gymnasiums herab und überbrachte mit hämischem Grinsen den Befehl des Direktors, daß sich die Obersekunda sofort in ihr Klassenzimmer zu begeben habe. Das boshafte Grinsen verging ihm allerdings, als ihn Herr Kreckel ziemlich laut belehrte, daß er persönlich am Vormittag keinen Alkohol zu sich nehme und daher die Halle geheizt wünsche. Auch Jeuck äußerte in seiner maßlosen Erbitterung über den verhinderten Elfmeter einen Wunsch, und wenn dieser in Erfüllung ging so waren Hackerts Kinder noch vor dem Mittagessen vaterlose Waisen.

  Die Botschaft des Hausmeisters weckte in Ebmeiers Brust böse Ahnungen und mit gewaltigen Sätzen zeigte er auf der Treppe seine Begabung für Dreisprung und Hürdenlauf. Zwar hatte Lilo auch in ihrem ureigensten Interesse unverbrüchliches Schweigen gelobt, aber es war doch besser, wenn sie erfuhr, daß der Kampf nahe bevorstand.

  "Jetzt, wo es niemand verlangt, kann er springen wie ein Känguruh," brummte Jeuck hinter dem flüchtenden Freund her. Seine sonstige bissige Spielkritik ging jedoch in dem allgemeinen öffentlichen und geheimen Rätselraten über die Ursache der überraschenden Einladung verloren.

  Der verschwundene Schlüssel zum Konferenzzimmer? Der Bierabend in Oberzeuzheim? Der Hakenkreuzwimpel in der Aula? Die Katzenmusik bei Dr. Weber? Der Schlüpfer am Affenskelett? Haufenweise tauchten die Möglichkeiten auf, und mancher hatte alle Ursache, sich mit eisernen Stirn für die nächsten Minuten zu wappnen.

  Knallend schlug der Klassenvorsteher die Hacken zusammen und meldete dem schnaufenden Direktor in militärischer Haltung, daß die Obersekunda befehlsgemäß im Klassenzimmer anwesend sei. Diese schon oftmals gerügte Art des Empfanges steigerte natürlich noch die berechtigte Wut des überzeugten Pazifisten.

  "Benehmen Sie sich wie ein gesitteter Mensch, Horn, und setzten Sie sich sofort auf ihren Platz."

  "Jawolli"

  Die Kehrtwendung war vorbildlich und erregte neuen Groll, den der dröhnende Marschschritt nicht verminderte. Doch heute fehlte die Zeit, um das staatswidrige Verhalten mit der gebührenden Aufmerksamkeit zu tadeln.

  "Wer hat sich heute unbefugt am Schwarzen Brett zu schaffen gemacht?"

  Der drohenden Frage, die von stechendem Kriminalistenblick begleitet war, folgte tiefes Schweigen, und Hans Jochen Ebmeier reckte sogar vorwitzig seinen Kopf und machte ein Gesicht wie die menschgewordene Verständnislosigkeit.

  "Wer hat jemanden gesehen, der dort etwas anheftete?" schlug der Direktor einen Umweg ein.

  Jeder, auch "Pater Filicius" und "Das gute Beispiel", erwartete natürlich, daß die Aufforderung zum Verrat unbeachtet bleiben würde. Heini Bommel jedoch meldete sich und bereitete Lilo, die ihn heute Morgen noch vor Inge lächerlich gemacht hatte, lebhaftes Herzklopfen. Ebmeier dagegen blieb kalt bis in die innersten Räume seiner schwarzen Seele, denn vor diesem Zeugen war bestimmt nichts zu befürchten, und außer der Dichterin und dem Klassenvorsteher wußte ja auch niemand von seiner Tat.

  "Als ich in die Turnstunde ging, stand jemand am schwarzen Brett, Herr Direktor. Das war kurz nach der Pause, weil ich meine Turnschuhe noch aus der Klasse holen mußte. Aber ich habe nicht darauf geachtet, ob der Betreffende etwas abnahm oder anheftete."

  "Und wer war das?" zitterte die Stimme des Direktors vor Spannung, und der Spitzbauch wogte aus Freude über die schnelle Entdeckung.

  "Der Hausmeister, Herr Direktor!"

  Die lustige Else kämpft heldenhaft gegen den übermächtigen Lach reiz und manche Herren auf den letzten Bänken machten sich erst gar nicht die Mühe, ihr schadenfrohes Grinsen zu verbergen.

  "Sie sind noch viel dümmer als ich bisher glaubte," fauchte Direktor Heun den gekränkt tuenden Bommel an, "Ich meine natürlich, wer - na lassen wir das. Fräulein Strunk, was haben Sie zu lachen? Ich verbitte mir diese Störung, das ist eine Ungezogenheit von Ihnen! Ich verlange ein anständiges Benehmen in meiner Gegenwart, auch von Ihnen, Becker! Die Dreistigkeit in dieser Klasse übersteigt alle Grenzen, hier muß mit drakonischen Maßnahmen eingeschritten werden. Pohl, mit wem von Ihren Mitschülern sind Sie verfeindet?"

  "Ich- verfeindet???" Der erstaunte Pohl machte im Augenblick wirklich nicht den Eindruck, den man von einem homo sapiens verlangen kann. "Mit niemand natürlich."

  "Das kann nicht stimmen. Sehen Sie, dieses Pamphlet über Sie hat einer aus der Klasse an das Schwarze Brett geheftet."

  Niemand zeigte größere Neugierde als Lilo und Hans-Jochen, während Pohl wie Frau Lot selig, als sie Sodom in hellen Flammen sah, auf den Bogen starrte, den die dicken Finger des Direktors in der Luft schwenkten.   "Ein Pamphlet auf mich? Aber das ist doch gar nicht möglich," fand er endlich stotternd zu seiner Sprache zurück.

  "Wenn ich Ihnen das sage, Pohl, so stimmt es, und ich verbitte mir ihre Zweifel. Also wen haben Sie in Verdacht?"

  Pohl schüttelte verständnislos den Kopf und beharrte auch ferner auf der Meinung, daß er keinen Feind in der Klasse habe, der ihm einen so üblen Streich spielen würde. Womit er recht hatte, denn weder Dichterin noch Verleger hatten ihr Werk in böser Absicht geschaffen. Vorübergehend kam ihm der Gedanke an seine Erbfeindin Zita, aber der fehlte für ein solches Wagnis der erforderliche Mut und außerdem war das Mädel auch keineswegs nicht so bösartig veranlagt.

  "Vielleicht könnte der eine oder andere Auskunft geben. wenn der Inhalt bekannt wäre."

  Beinahe hätte Ebmeier bei diesem dreisten Vorschlag statt Inhalt Verse gesagt und damit ein Wissen verraten, das nach Stand der Untersuchung nicht möglich sein konnte.

  "Halten Sie den vorlauten Schnabel" brüllte der Direktor den ungebetenen Ratgeber an. "Ich lasse mir meine Methoden nicht von einem grünen Jungen vorschreiben. Im Übrigen ist der Inhalt derart gemein. daß ein Vorlesen vollkommen ausgeschlossen ist. Aber etwas anderes möchte ich noch wissen, wer von ihnen kann auf einer Schreibmaschine schreiben?"

  Die Frage brachte keinen Nutzen für die Untersuchung, weil sich ein Drittel der Klasse meldete, darunter gewiß ganz unverdächtige Persönlichkeiten wie Bokler, Hilger und die Tochter des Bürgermeisters.

  "Wer besitzt den eine Schreibmaschine?" versuchte Herr Heun den Kreis zu verkleinern. Aber so wohlhabend war keiner. und das Eigentum des Konviktes und des Studienheimes schied von vornherein aus.

  Der Direktor befand sich nun in einer Sackgasse, und diese Erkenntnis brachte das Faß zum überlaufen. Es kam die gewohnte ultimo ratio regis.

  "So, der Bursche besitzt nicht nur eine unerhörte kaum glaubliche Frechheit, sondern ist dazu auch noch feige. Da bestrafe ich die gesamte Klasse mit zwei Stunden Arrest heute Nachmittag, verstanden? Oder will sich der Täter im letzten Augenblick noch melden? In diesem Fall versichere ich ihm, daß ich nicht seine Entfernung von der Anstalt aussprechen werde."

  Karlchen Nett erhob sich, aber nicht um eine Aussage zu machen. sondern um die überdrehte Heizung abzustellen. Im Übrigen war kein Laut zu vernehmen.

  "Gut, dann bleibt es bei meinen Worten. Heute Nachmittag um zwei Uhr sind alle wieder hier."

  Horns finsteres Gesicht färbte sich bei diesem Urteil mit rötlichem Zorn. Was, die Schlittenpartie der drei Musketiere mit Gerda, Irma und Milchen wollte dieser alte Nußknacker vermasseln? Wo auch noch täglich ein Wetterumschwung zu erwarten war? Das kam nicht in Frage. Es hätte nicht Ebmeiers Rippenstoß bedurft, um ihn an seine Pflichten als Klassenvorsteher zu erinnern.

  "Für die Fahrschüler ist das völlig unmöglich," erklärte er dem Direktor, der schon nach der Türklinke griff.

  "Und ich sage Ihnen, daß die Klasse, und zwar ohne jede Ausnahme, um zwei Uhr Arrest hat, und verbitte mir jede weitere Einrede, oder ich trage Sie ins Strafbuch ein."

  "Darf ich dann vielleicht wissen, wo wir auf Kosten des Gymnasiums zu Mittag essen sollen? Die meisten von uns kommen durch den Arrest nicht vor sieben Uhr nach Hause, einige noch später."

  Herr Heun drehte wütend den Spitzbart, aber er gab sich noch nicht geschlagen.

  "Das ist eine faule Ausrede, Sie haben ja für alle möglichen Dinge Geld und werden schon nicht verhungern."

  "Ich habe kein Geld," mischte sich jetzt Bommel ein.

  "Ich auch nicht." "Ich auch nicht."

  Mit großer Lautstärke behaupteten sämtliche Fahrschüler ihre gänzliche Armut und in diesem Durcheinander der Stimmen machte es außerordentlich wirkungsvoll, daß Becker in dumpfem Ton "Hunger" "Hunger" dazwischen knurrte.

  Damit war der Kampf entschieden.

  "Zum Donnerwetter mit diesem Grölen, augenblicklich Ruhe, oder ich vergesse mich! Unerhört, ein solches Benehmen in meiner Gegenwart, einfach skandalös. So, der Arrest ist dann morgen Mittag um zwei Uhr. Bringen Sie das Lateinbuch und ein Schreibheft mit, ich will doch sehen. ob ich nicht selbst Ordnung in die Horde bringen kann. Sie werden schreiben. meine Herrschaften, schreiben, bis ihnen die Finger bluten!"

  Krachend flog hinter dem Direktor die Tür ins Schloß. Trotzdem es höchste Zeit war, um zur Bahn zu gehen gab der siegreiche Horn hastig noch einige Anweisungen für den weiteren Kampf um die Abwehr des Arrestes.

  "Hört mal, wer nur den geringsten Grund hat, der kommt morgen überhaupt nicht zur Schule. Dann braucht er auch nicht in den Arrest, und wenn viele fehlen, die der Alte im Verdacht hat, dann fällt er sicher aus. Allmang, Du kannst mit Deinem verletzten Bein nicht gehen, Schaft hat schon jetzt geschwollene Mandeln, Duchscherer wird sich fürchterlich erkälten. Sorgt nur dafür, daß viele krank werden, meinetwegen an Masern und Keuchhusten. Mich selbst tritt heute Abend punkt sechs Uhr ein Pferd auf die große Zehe. Also macht's gut. Heil, Sieg und Rache."

  Die Fahrschüler stürmten jetzt wie die wilde Jagd aus der Klasse und hätten beinahe den Direktor auf der unteren Treppe überholt. Der immer noch tief erschütterte Pohl dagegen wandte sich an Ebmeier um Auskunft, ob er diese verdrehte Geschichte mit dem angeblichen Pamphlet begreifen könne. Hans Jochen aber hütete sich den Wissensdurst zu befriedigen.



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Zwei Zeugniskopien von Norbert Horn aus seiner Gymnasiumszeit:

  Das Zeugnis in der Obersekunda von 1927. Interesant sind die Kopfnoten Betragen und Aufmerksamkeit. Die Zeile Bemerkungen enthält folgenden Satz: "Er musste wegen frechen und widersetzlichen Benehmen getadelt werden".
  Norbert hat das Reifezeugnis von 1930 mit 6 Jahrn Gymnasiumszeit erlangt. Es enthält auch den Satz "Er will Journalist werden". Auch finden wir hier einige Namen des Lehrkörpers wieder, die im Artikel erwähnt werden.



  Das Zeugnis vom Chefredakteur der Rheinisch-Pfälzische Landeszeitung, wurde 18 Jahre nach Norberts einjährigen Journalistendebüt angefertigt, man konnte sich also noch an ihn erinnert.


  Aus den Zeugnissen kann man klar Norberts Interessen herauslesen. Das interessante an dem Zeugnis über seine einjährige Tätigkeit bei der Koblenzer Volkszeitung ist aber die Bemerkung über den Abbruch seiner Journalistischen Tätigkeit. Wurde er in der Landwirtschaft gebraucht? War jemand schwer erkrankt? Wir wissen es nicht mehr. Sicher ist aber, dass er aus seinem geliebten Beruf wieder ausscheiden musste und dass sicher nicht ohne triftigen Grund und sicher ist auch, dass die negativen Bemerkungen im Obersekunda-Zeugnis das beste Rüstzeug für einen guten Journalisten sind.

  Wie wäre sein Leben wohl verlaufen, wenn er 1931 weiter als Journalist tätig gewesen wäre?